CupolofenRegister 1879 bis 1893

Vermischtes

„Cupolofenregister“ – entdeckt im Katalog der Sächsische Landesbibliothek – Staatsund Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) bei einer Fachrecherche und neugierig geworden, was sich dahinter verbirgt, werden dem Leser mit der Bestellung 16 schmale, handgeschriebene Geschäftsbücher der Jahre 1879 bis 1891 [1] zum Lesen unter Aufsicht im Sonderlesesaal bereitgestellt – eine Ausleihe außer Haus ist nicht möglich. Beim Öffnen, selbstverständlich auf Auflagepolstern, erscheinen Zahlenkolonnen in gestochener Handschrift; säuberlich notiert sind Tagesproduktionen von Kupolöfen, selbst die Zusammensetzung der Einzelchargen bis hin zur monatlichen Abrechnung in damals üblichen Maßeinheiten ist zu erkennen. 

Die von Firma F. G. Mylius, „Papier- u. Comtoir – Utensilien – Handlung“, seinerzeit ansässig in Leipzig, gelieferten Blanco-Registerbücher enthalten auf der ersten Seite in füllender Zierschrift für die Benutzer den Segen: „Mit Gott“.

Zur Herkunft dieser handgeschriebenen Zeugen vergangener Produktionstage lassen sich nur auf Basis von internen Bezeichnungen Vermutungen anstellen, sie enthalten weder einen Firmeneintrag noch die Unterschrift der Verfasser. Auch wie es dazu kam, dass diese handgeschriebenen Bücher vom bis 1961 existierenden „Institut für Geschichte der TH Dresden“ in den jetzigen Bestand gelangten, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Wer hat diese Register vor dem Vergessen bewahrt? Ein mit Fragezeichen versehenes Stichwort „Gröditz?“ im SLUB-Katalog lädt zur weiteren Recherche ein, ebenso hilfreich ist die Bezeichnung von Anlagen, welche gleichzeitig von technischen Erweiterungen künden: Cupolofen I in Register 1879, Cupolofen II in Register 1883, Temperstahlgießerei in Register 1884, Stahlgießerei in Register 1889, A. R. G. (Alte Röhren Giesserei) in Register 1890 und Neue Röhren (Neue Röhrengießerei) in Register 1893.  

Ein Abgleich mit der original erhaltenen Festschrift der Aktiengesellschaft Lauchhammer von 1915, Abteilung Eisen und Stahlwerk Gröditz [2] untermauert die Richtigkeit obiger Annahme: Der in Seidenstoff eingeschlagene und mit eingeklebten Originalfotos ausgestattete Prachtband ist „Dem derzeitigen Leiter des Gröditzer Eisenwerkes, Herrn Direktor Richard Lippmann, anläßlich der fünfundzwanzigsten Wiederkehr des Jahrestages seines Eintritts in die Dienste der Aktiengesellschaft Lauchhammer von seinen Beamten zugeeignet.“ und dokumentiert die Geschichte des Werkes von 1779 bis 1915. Ein Foto um 1875 zeigt die Beamtenschaft des Werkes. Wer von den Herren die Aufgabe hatte die Cupolofenregister zu führen, ist nicht zu sagen; vielleicht war es der Bürobeamte Herr Lange oder Herr Rechnungsführer Müller? 

Vorn rechts ist Adolf Ledebur zu sehen. Der Gründer des Lehrstuhls für Eisenhüttenkunde an der Bergakademie Freiberg war in diesen Jahren als Hüttenmeister mit der Aufgabe betraut, den Aufbau der von ihm entworfenen neuen Röhrengießerei zu leiten und diese in Betrieb zu nehmen. So ist zu lesen [2], Zitat: „Gröditz rechnet es sich fest zum Vorzuge an, daß eine solche Autorität ihres Faches in Gröditz praktische Erfahrungen gesammelt hat. Es muß denn auch an dieser Stelle vermerkt werden, daß das Eisenwerk Gröditz durch die befruchtenden Ideen Ledeburs außergewöhnliche Vorteile genoß, da Ledebur seine vielseitigen Versuche auf dem Gebiete des Gießereiwesens in Gröditz stets erstmals in die Praxis umsetzte.“ 

Ist es auch seinem Wirken zuzuschreiben, dass die Aufzeichnungen in dieser Form geführt wurden? Mit einem genaueren Blick in die Zahlenkolonnen lassen sich Geschichten aus diesen vergangenen Arbeitstagen erzählen. Gemessen an heute eingesetzter Software zur Prozessdatenvisualisierung aller Parameter von Schmelz- und Gießöfen bis hin zu deren Prozessoptimierung, zeigen die minutiös geführten Zahlenkolonnen auf ihre Weise, wie wichtig auch zu dieser Zeit der Umgang mit Rohstoffen hinsichtlich der zu erzielenden Qualität und erfolgreichen Kalkulation war. Zu diesem Thema kann mit einem Schmunzeln in der Einleitung eines weiteren zeitgenössischen Werkes „Die Calculation in der Eisengießerei“ [3] folgendes entdeckt werden, Zitat: „Ein Blick jedoch in das tägliche Leben, in die Abgaben der Preise, seien sie privater Natur oder die öffentlicher Submissionen, belehren augenscheinlich, das es mit diesem Calculieren durchweg schlecht bestellt sein müsse; nicht nur, dass der Eine gegen den Anderen das Doppelte, ja mehr,  für denselben Preis anböte, nein, noch Unerhörteres ist dagewesen…“ Bei den zu dieser Zeit erzeugten Gussprodukten handelte es sich vorwiegend um Teile, Zitat: „in vielen Exemplaren nach einem Modelle gemacht und bei denen eine beschleunigte und möglichst wohlfeile Herstellung wesentliche Bedingung ist.“ 

Dazu zählten unter anderem Röhren für Wasser, Gas, Wind und Dampf, Eisenbahnschienen, Stühlchen, Hohlgeschosse, Kochgeschirre, Bremsklötze und Nähmaschinenteile. Zu lesen ist dies bei Dr. Carl Hartmann, Berg- und Hütteningenieur, welcher im Jahr 1862 seine Publikation „Die neuesten Fortschritte der Förmerei und Gießerei besonders der in Eisen“ [4] der Gunst des „betheiligten Publicums empfiehlt und hofft, daß sie ihren Zweck erfüllen werde.“ 

Der hier gezeigte Band gehörte zum Bestand der Bibliothek der Königlich Polytechnischen Schule zu Dresden. Auch beschreibt Dr. Carl Hartmann den Umgang mit den zu dieser Zeit eingesetzten Legierungen wie folgt, Zitat: „Man hat neuerlich verschiedenartige Legierungen zum Vergießen empfohlen, unter denen die verschiedenen Roheisensorten untereinander eine sehr wesentliche Bedingung für die Brauchbarkeit und Tüchtigkeit verschiedener gusseiserner Gegenstände sind, worüber hier aber keine allgemeinen Regeln, als die aus der Natur der Sache selbst hervorgehenden, wonach Festigkeit beanspruchende Gegenstände aus einem guten, halbirten, viel zu bearbeitende, schwere aus grauem, Potterien aus dünnflüssigem, phosphorhaltigem und Geschosse aus schlechteren Roheisen gegossen werden müssen, sich aufstellen lassen“ Dies wird in der „Calculation in der Eisengießerei“ noch durch folgenden Hinweis ergänzt: 

„Aufgabe des Betriebs-Ingenieurs ist es, mit den geringwerthigsten Eisensorten noch immer eine solche Gusswaare zu erzielen, welche den Anforderungen an dieselbe genügt. Wie weit für jedes Objekt damit gegangen werden kann, hängt von der richtigen Beurtheilung der Ansprüche ab, welche an die Verwendung des Gegenstandes gestellt werden, sowie auch von der practischen Erfahrung des Betriebs-Ingenieurs, was er seinem Materiale zumuthen darf.“ 

Die in den Cupolofenregistern sorgsam monatlich addierten Materialienverbräuche weisen den vorrangigen Einsatz englischer und schottischer Roheisensorten aus. Nur geringe Mengen des damals neu und durch die Einführung des Thomas-Verfahrens preiswert hergestellten Main-Weser Roheisens aus dem Westen Deutschlands wurden zuchargiert. So sehen wir im Register „Cupolofen I“ (geführt vom 13. Januar 1879 bis Ende Februar 1882) in der Monatsabrechnung für Oktober 1881 eine erschmolzenen Menge von 372.600 kg an insgesamt 25 Arbeitstagen, also ca. 15 t pro Tag. Dabei beträgt die Monatsmenge des gesetzten englischen Roheisens 191.800 kg zu lediglich 9.420 kg Main-Weser Roheisen, auch mit „hiesgem“ Eisen beschrieben. Dazu kommen (Kreislauf-) Anteile aus Waffeleisen, Geschoßsprungstücke, Abfalleisen aus Eingüssen sowie Brucheisen allgemein. Zum nur zaghaften Einsatz von neuen Roheisensorten, die ihre Tauglichkeit durch jahrelange praktische Beweise erbringen mussten, können wir in der Gröditzer Festschrift [2] im Originaltext von 1915 schließlich folgende Bemerkung lesen: „Wie so viele andere ältere Gießereifachleute, konnten sich auch die damaligen Gröditzer Leiter mit den verschiedenen westdeutschen, namentlich neuen lothringisch-luxemburgischen Roheisensorten, nicht abfinden. Diese verkehrte Wirtschaftspolitik erreichte in Gröditz leider erst zu Anfang der 1890er Jahre ihr Ende“ 

So finden wir dann ab dem Jahr 1893 im Cupolofenregister „Neue Röhrengießerei“ nunmehr Roheisensorten aus Luxemburg neben betriebseigenen Kreislaufanteilen. Eine deutliche Leistungssteigerung in dieser Zeit, nicht zuletzt durch den Neubau größerer Kupolofenanlagen, ist zu erkennen: in einer stabilen 6-Tage-Woche mit bis zu 52 vollen Gichten pro Tag werden monatlich über 700.000 kg Gusseisen produziert, im Monat Mai sogar 998.000 kg, was einer Leistung von ca. 40 t pro Tag entspricht und bei angenommenen 10 Arbeitsstunden einer Schmelzleistung von bis zu 4 t pro Stunde. Zum Vergleich schauen wir über 10 Jahre zurück in das Jahr 1881: Für die „Alte Röhrengießerei“ wird für den Monat Oktober eine Gusseisenmenge von 372.600 kg mit maximal 30 vollen „Güchten“ pro Tag und damit einer Leistung von ca. 1,5 t pro Stunde ausgewiesen. Diese Entwicklung dokumentiert insbesondere den zunehmenden Bedarf an Röhrenguss für den Verbau in zentralen Wasserleitungsnetzen der Städte und Gemeinden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Diese Röhren konnten in Gröditz bereits in großen Durchmessern bis 4 m Länge produziert werden. Sie entsprachen höchsten technischen Anforderungen ihrer Zeit und hatten „durch vorgeschriebenes Abhämmern“ einen Druck von 25 Atmosphären schadfrei auszuhalten. [2] 

Schauen wir einmal auf die Sortimentsverschiebungen im Zeitraum 1881 – 1891 anhand der „Geschoßproduktion“ – ein in Friedenszeiten zweifellos rückläufiges Sortiment. Noch 1881, wurden täglich ca. 2.700 kg Gusseisen für die Geschossgießerei erschmolzen, dafür wurde als Basis vorwiegend englisches Roheisen gesetzt. 

Im Jahr 1883 weist die Zusammenstellung für Monat Februar insgesamt 2.472 kg Eisen für die Geschoßproduktion aus. Am 21. Februar 1883werden zum Vergießen von 800 kg Eisen für Geschosse insgesamt 13 Körbe „Coaks“ und 1 „Karn“ Kalkstein mit je 325 kg Buderus Roheisen der Sorten I.a. und I.b. gesetzt, dazu kommen aus „hiesgen“ Beständen noch 150 kg Geschossbruch. Für Maschinenguss (Nähmaschinen) werden an diesem Tag 5.473 kg Eisen geschmolzen. Zehn Jahre später, 1891, werden im gesamten Januar nur noch an 5 Tagen Geschosse gegossen, insgesamt 4.800 t – zu relativ gleichen Teilen werden jetzt „Coquillen Bruch“, Roheisen „Engl. III“ und „Nähmaschinenbruch“ gesetzt. Dafür sehen wir für den Monat Januar 1891 in der Abrechnung für Nähmaschinenguss bereits 37.350 kg, produziert an insgesamt 28! Wochentagen. Die Legierung besteht zu dieser Zeit aus „Schalker Hem“ (Hämatitroheisen?), Roheisen „Engl.III“, Buderuseisen und Nähmaschinenbruch. Auch die Chronik verzeichnet für das Jahr 1888 die Schließung der eigentlichen Geschossgießerei.[2]

Noch viele Geschichten einer für uns produktionstechnisch in weite Ferne gerückte Zeit können den 16 schmalen handgeschriebenen Bändchen entnommen werden. Geschichten eines Produktionsalltages, geprägt von den großen politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen ihrer Zeit, insbesondere auch von umfassenden technischen Neuerungen im Gießereiwesen, deren Anwendung mit zunehmender Industrialisierung notwendig wurde.  

Denken wir „nur“ weitere 120 Jahre voraus – dann schreiben wir das Jahr 2131 und dürfen uns die Frage stellen, wie dann Datenträger unserer Zeit (soweit durch glückliche Umstände erhalten und auswertbar) „historisch“ begutachtet werden. Vielleicht gibt es darüber dann wieder eine „Geschichte in Guss“.  

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