„Der 3D-Druck ist ein Blechkuchen unbekannten Ausmaßes“

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GP 10/2019
Additive Manufacturing
Betriebswirtschaft und Management
Stefanie Brickwede ist nicht nur Head of Additive Manufacturing bei der Deutschen Bahn, sondern auch Managing Director des Netzwerks Mobility goes Additive. Im Interview erzählt sie, wie die Mitglieder des Netzwerks voneinander profitieren, wieso sie explizit den Mittelstand ansprechen wollen und warum Azubis bei der Bahn Pokémons drucken dürfen.

Frau Brickwede, können Sie genauer erklären, was „Mobility goes Additive“ für ein Netzwerk ist? 
Stefanie Brickwede: Als die Deutsche Bahn  2015 in die Additive Fertigung eingestiegen ist, haben wir nach Netzwerken gesucht, durch die wir etwas lernen und in denen wir Erfahrungen austauschen können. Wir haben aber damals keines gefunden, das zu uns passte, weil die damaligen Netzwerke von Flugzeugherstellern gegründet worden waren und andere Ziele haben: Sie wollen Gewicht reduzieren. Wenn wir ein Ersatzteil austauschen, spielt es keine Rolle, ob wir dabei 500 g sparen. Also haben wir geschaut, ob andere Lust haben, mit uns ein Netzwerk zu gründen. Das hatte ein wenig Start-up- Atmosphäre, wir haben uns im September 2016 mit anderen Unternehmen zusammengetan und heute haben wir 100 Mitglieder. 

Sind im Netzwerk nur Partner, für die Mobilität wichtig ist oder stammen sie auch aus anderen Branchen?
Wir haben ganz unterschiedliche Mitglieder: Das ist einmal die 3D-Druck-Industrie, also Maschinenhersteller, Druckdienstleister, Softwareunternehmen, Berater sowie  Universitäten und Institute, wie beispielsweise das Fraunhofer Institut. Darüber hinaussind auch viele Nutzer dabei, unter den ersten Mitgliedern waren natürlich viele Bahnen und Bahnzulieferer. Mittlerweile ist aber auch die Automotive- und Zulieferindustrie vertreten. Aktuell stehen wir auch  im Kontakt mit etlichen Maschinenherstellern,die mit Mobility nichts zu tun haben. Sie profitieren von dem Netzwerk, weil sie ähnliche Probleme wie wir haben: Sie sind  auch von der Notwendigkeit getrieben, ihrehochinvestiven Anlagen möglichst langfristig mit Ersatzteilen versorgen zu können.  

Welche Vorteile hat die Mitgliedschaft im Netzwerk? Ich kann mir vorstellen, dass es Vorbehalte gibt, dass sich der Wettbewerber Innovationen oder Geschäftsgeheimnisse abschauen könnte.  
Solche Diskussionen gibt es immer mal wieder. Ich sage dann immer: Ihr streitet Euch gerade um ein Stück Kuchen, aber der 3D-Druck ist ein Blechkuchen unbekannten Ausmaßes. Hört auf damit. Diese Branche ist gerade erst dabei, ihr Potenzial auszuloten. Viele Unternehmen erkennen aber auch, dass sie aus einem offenen Austausch viele Vorteile ziehen können: Zum Beispiel braucht es bestimmte Materialien. Für den Bahneinsatz brauchen wir flammfeste Kunststoffe, die anders flammfest sein müssen, als die für die Luftfahrtindustrie. Wenn Sie ein Material auf Flammfestigkeit testen wollen, sind Sie mal locker 12.000  Euro los. Dann ist es schlau, wenn einer daseine Material und der andere ein anderes testet und dann beide die Informationen  austauschen. Wir sind schneller und billiger nterwegs und wir können schneller die Mengen skalieren, also viel mehr Teile  fertigen. 

Die Maschinen- und Druckdienstleistermöchten hingegen besser verstehen, was die Anforderungen der Anwender sind. Sie sind häu ig mittelständisch organisiert und haben nicht die Mittel, auf Teufel komm raus auf der grünen Wiese herumzuforschen. Sie wollen schon genau wissen: Was heißt beispielsweise Flammfestigkeit für den Bahnsektor? Welche Normen spielen da eine Rolle?  

Für 2019 hat sich das Netzwerk zum Ziel gesetzt, den Mittelstand in den Fokus seiner Arbeit zu stellen. Warum? 
Den Großkonzernen brauchen Sie nicht zu erzählen, was 3D-Druck ist, das wissen die. Das Problem, das wir alle haben, ist, dass die Zulieferer häufig kleine mittelständische Unternehmen sind und die haben dieses Thema noch nicht für sich entdeckt. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen ist der 3D-Druck mit hohen Investitionen verbunden. Wenn wir über Metalldrucker sprechen, dann reden wir über Anschaffungskosten von locker einer Million Euro. Da tut sich der Mittelstand schwer. Außerdem haben sie im Moment noch volle Auftragsbücher, da schiebt man so ein Thema gerne auch mal weg. Viele haben noch nicht erkannt, was für eine Kraft dahinter steckt − der 3D-Druck wird das Aftersales-Geschäft, den Ersatzteilbereich massiv beeinflussen.

Wir als Bahn und das geht den Automotives nicht anders, sagen: Wir wollen nicht Hersteller werden, das ist überhaupt nicht unser Ziel, sondern wir wollen unsere Züge ordentlich betreiben und sie pünktlich am Start haben. Wenn wir aber Ersatzteile nicht haben, würden wir immer auf die herkömmlichen Lieferanten und Sublieferanten zugehen, weil sie auch viel schneller sind, was die Zertifizierung angeht. Wir würden sie gern viel stärker mit ins Boot nehmen und würden gern ihnen dieses Feld überlassen. Sie könnten ihre Lagerhaltungskosten massiv reduzieren. Heute ist es ja so, wenn Sie einen Zug kaufen, haben Sie Liefergarantien für roundabout 15 Jahre, so lange müssen die Hersteller Ersatzteile auf Lager haben, um die Bahn beliefern zu können. Wenn die Frist dann abgelaufen ist, fängt die Lagerhaltung bei den Operateuren an. 

Das ist sicher sehr kostspielig für die Deutsche Bahn. 
Die Bahn hat nur für die Fahrzeuge, noch nicht für die Infrastruktur gesprochen, Ersatzteile im Wert von 600 Millionen Euro im Jahr auf Lager liegen. Der 3D-Druck verändert mittelfristig ganze Wertschöpfungsketten. Das Print-On-Demand-Verfahren macht das Vorhalten großer Lagerflächen überflüssig. So wird auch die Umwelt geschont: Produziert wird nur, was unmittelbar benötigt wird. 

Das Netzwerk soll auch für mittelständische Unternehmen eine Unterstützung sein, wenn sie neu in die Technologie einsteigen möchten. Was sind denn, Ihrer Erfahrung nach, typische Stolpersteine oder Anfängerfehler eines Unternehmens, das mit dem 3D-Druck anfängt?  
Das erste, was mich die meisten fragen, ist: Was für eine Maschine sollen wir uns kaufen? Ich entgegne dann: Überlegt euch erst einmal, welche Teile ihr fertigen wollt. Im ersten Schritt müsst ihr euch noch gar keine Maschine kaufen, sondern nutzt wie wir Druckdienstleister und probiert euch aus, denn ihr müsst Erfahrungen sammeln − das ist keine Plug-and-play-Technologie. Welche Technologie, welches Material, in welcher Kombination ist sinnvoll? Man muss sich da ranrobben, dieser Erfahrungsaufbau dauert ein paar Jahre, das ist nichts, was man von jetzt auf gleich komplett kaufen kann.  

Das kann aber auch abschreckend sein. 
Ja, aber die Krux ist, dass die Entwicklung nicht Halt macht. Wenn man mal in andere Branchen schaut: Die Innenohrinlays von Hörgeräten sind in den USA innerhalb von 500 Tagen komplett auf 3D-Druck umgestellt worden.  

… und damit war eine ganze Herstellerbranche abgeschafft. 
Richtig. Wenn ich beispielsweise Orthopädietechniker wäre – das Geschäft stützt sich in der Masse zum Teil auf die Herstellung von Einlagen –, ich würde jetzt nervös werden. Es dauert nicht mehr lange, dann werden orthopädische Einlagen in die Sohlen direkt eingedruckt. Auch die Dentalbranche ist zu großen Teilen schon auf 3D-Druck umgestellt. Die meisten Menschen, die Zahnprothesen tragen, tragen 3D-gedruckte Teile im Mund, das wissen sie häufig nicht. Ich habe kürzlich den Betreiber eines großen B2B-Dentallabors gefragt, ob er seinem Kind noch raten würde, Dentaltechniker zu werden und er sagte: auf keinen Fall. Es wird ganze Branchen komplett verändern Dabei geht es gar nicht darum, dass Arbeitsplätze reduziert werden, das ist gar nicht der Punkt, es verschiebt sich.  

Da ist es ja auch wichtig, dass man bei der Ausbildung am Ball bleibt. Das Netzwerk hat eine AG Education eingerichtet, die To-dos für die Nachwuchsausbildung erarbeiten. Können Sie die wichtigsten kurz vorstellen?  
Wir haben ein Papier erstellt, um die Politik dafür zu sensibilisieren. Außerdem machen wir transparent, wer unserer Mitglieder Weiterbildungen anbietet. Es gibt bereits viele Universitäten, die den  3D-Druck schon in ihre Studiengänge integriert haben, aber es gibt nicht den Studiengang „3D-Druck“. Ein Student, der das spannend findet, der muss ganz schön suchen, den passenden Studiengang zu finden, der dies als Teilaspekt anbietet. Da wollen wir für mehr Transparenz sorgen. Viele Maschinenhersteller oder Druckdienstleister bieten Kurse oder Seminare an. Wir wollen informieren: Wer macht was? Und was besonders gut? Die einen sind mehr auf Metalle fokussiert, andere auf Kunststoffe.

Auch über die Öffentlichkeitsarbeit versuchen wir einzuwirken, unter anderem auf die gewerblich- technische Ausbildung. Das ist in Deutschland ein schwieriges Thema, weil das Bildungsministerium sagt: Ich kann das erst dann in mein Curriculum aufnehmen, wenn auch genug Unternehmen Maschinen haben, sodass die Azubis das auch ausprobieren können.

Die Unternehmen schaffen allerdings keine Maschinen an, wenn sie niemanden haben, der sie auch betreibt. Da droht ein Teufelskreis. Bei der Deutschen Bahn dürfen Azubis beispielsweise in den Instandhaltungswerken während ihrer Ausbildung drei Teile designen und drucken  

Darüber findet man dann auch Leute, die sich für das Thema begeistern lassen – clever. 
Meinetwegen können sie auch anfangen, Pokémons zu drucken, das ist mir erst einmal völlig einerlei. Wenn sie einmal das Prinzip verstanden haben, kommen sie automatisch dahin zu sagen: Da fehlt mir jetzt eine Vorrichtung, die könnte ich doch auch drucken.

Das Tolle ist ja, dass es solche Leute, die sich für 3D-Druck begeistern können, meist schon im Unternehmen gibt. Es kam zum Beispiel ein Mitarbeiter auf uns zu, ganz bescheiden, und fragte, was wir eigentlich machen und er erzählte dann, dass seine Kinder alle Preise bei  „Jugend forscht“ für 3D-Druck abgeräumt haben: Sie haben einen Pulverbettdrucker entwickelt. Das ist großartig und wir haben ihn natürlich gleich in unser zentrales 3D-Druck-Projekt integriert. Wir haben solche Diamanten schon in der Organisation, wir müssen nur wissen, wo. 

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