Die Mitarbeiterstruktur wird sich deutlich verändern

GIESSEREI PRAXIS 03/2020
Automobilindustrie
Elektromobilität
Zwischen Glauben an den Verbrennungsmotor und Stellenabbau: Eine neue Studie der Gesellschaft zur Wirtschafts- und Strukturförderung (GWS) und der Fachhochschule Südwestfalen hat untersucht, welche Auswirkungen die Elektromobilität auf die Region Südwestfalen hat. Das ist auch für die Branche deutschlandweit interessant.

Die Elektromobilität wird die deutsche Industrie verändern, so viel ist klar. Nicht nur die Automobilindustrie und die Zulieferer sind davon betroffen – ganze Regionen und daran angelagerte Wirtschaftszweige werden sich verändern.
Eine neue Studie der Gesellschaft zur Wirtschafts- und Strukturförderung im Märkischen Kreis (GWS) und der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn untersucht, welche Auswirkungen die Elektromobilität auf die Region Südwestfalen haben kann und fasst damit auch zusammen, was der Mobilitätswandel deutschlandweit bedeutet. Die Studie bietet einen Ausblick darauf, wohin die Reise mit der Elektromobilität geht – konkrete Hilfestellungen für die betroffene Industrie, die daraus abgeleitet werden, sollen folgen. Südwestfalen ist von der Metall- und Elektroindustrie geprägt und zählt zu den drei stärksten Industrieregionen Deutschlands. Rund 500 Unternehmen sind dort angesiedelt, die der Automobilindustrie zuliefern. Entsprechend stark wird die Region vom derzeit stattfindenden Mobilitätswandel betroffen sein, sodass die Studie auch überregional interessant ist.
Die Forscher haben für die Studie hunderte Quellen studiert und mehr als 60 Zulieferbetriebe und Branchenkenner der Region befragt. Auch politische Rahmenbedingungen und die Strategien relevanter Fahrzeughersteller sowie die technologischen Besonderheiten künftiger Fahrzeuge sind in eingeflossen.
„An Elektromobilität führt kein Weg vorbei. Weltweite politische Vorgaben zwingen die Hersteller, sich auf diese Technologie einzulassen“, sagt Prof. Dr. Andreas Nevoigt, der als Leiter des Labors für Fahrwerktechnik die wissenschaftliche Leitung der Studie übernommen hat. Weil Hybridantriebe weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden, gewinnen Automobilhersteller und Zulieferer Zeit, um die Flotte schrittweise auf Elektromobilität umzustellen.
In der Region Südwestfalen sind laut der Studie erste Auswirkungen des Mobilitätswandels schon spürbar. Zulieferer werden immer mehr in die Entwicklung eingebunden, weil die Hersteller deren Knowhow nutzen wollen. Viel wird in Forschung und Entwicklung – besonders zu neuen Materialien und Software – investiert. Während die Elektrobranche den Wandel als Chance begreife, seien Schmieden und Gießereien der Region laut der Studie weniger optimistisch.
Auf die allgemeine Untersuchung sollen konkrete Hilfestellungen für die Industrie folgen: „Wir müssen jetzt die einzelnen Branchen genauer untersuchen und sehen, wie wir hier konkret unterstützen können“, sagt GWS-Geschäftsführer Jochen Schröder. Nicht nur die Produkte und ihre Anpassung auf elektrische Antriebe sollen dabei untersucht werden, sondern auch Veränderungen der Produktionsprozesse, die kleine Unternehmen meist nicht allein stemmen könnten. Dazu gehören eine klimaneutrale Produktion oder die Fertigung kleiner Stückzahlen.

 

Experimente mit Werkstoffen
Zulieferer berichten den Forschern, dass sie mit anderen Werkstoffen wie leitenden Metallen und säurebeständigen Kunststoffen experimentieren. Bei den Fertigungsverfahren werde häufig die additive Fertigung eingesetzt, um andere Materialeigenschaften zu erreichen. Die Entwicklungsverantwortung liege immer bei den Zulieferern. Viele OEMs nutzten gerne die Expertise der Lieferanten, erfuhren die Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen.
Einige Betriebe sähen einen Trend zu einer flexibleren Fertigung von Kleinserien. Daraus ergebe sich bei den Betrieben in der Region ein Investitionsbedarf. Kritisiert werde zudem die Politik: Flottenziele seien nicht erreichbar und viele wünschten sich eine differenziertere Bewertung der unterschiedlichen Antriebstechnologien. OEMs zögen Budget und Mitarbeiter von der Dieseltechnologie ab, um auf elektrische Antriebe und das autonome Fahren zu setzen. Auch die Bearbeitung von Forschungsanträgen dauere zu lange, berichteten die befragten Unternehmen.
Die Mehrheit der Befragten wünscht sich eine bessere Kommunikation mit den Auftraggebern hinsichtlich zukünftiger Pläne: Mehr als 60 Prozent fühlen sich diesbezüglich eher zu wenig informiert. Gleichzeitig müssen Zulieferer immer mehr Anforderungen ihrer Auftraggeber erfüllen. Dabei spielen Datenaustausch und Nachhaltigkeit eine große Rolle.

30 Prozent haben schon Stellen abgebaut

Die Mehrzahl der Befragten (mehr als 60 Prozent) geht von einer deutlichen Veränderung der Mitarbeiterstruktur aus. Ein kleiner Teil (knapp über 10 Prozent) rechnet mit positiven Effekten, also damit, dass neue Stellen durch die Elektromobilität geschaffen werden. Rund 60 Prozent der Unternehmen rechnet damit, dass ein Stellenabbau über Renteneintritte oder nichtverlängerte Zeitverträge erreicht werden kann. 30 Prozent haben schon Stellen abgebaut und 23 Prozent gaben an, dass sie wahrscheinlich Mitarbeitern aufgrund des Mobilitätswandels kündigen werden.
Produktion in Südwestfalen oder Deutschland sei nur noch mit einem hohen Automatisierungsgrad wettbewerbsfähig, heißt es in der Studie. Mitarbeiter, die sich mit Automation und Programmierung auskennen, seien deshalb gefragt.
Fast alle Befragten sind davon überzeugt, dass der Verbrennungsmotor auch in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine wichtige Rolle spielen wird. Sie gehen davon aus, dass Verbrenner und Hybridmotoren mittelfristig 75 Prozent des europäischen Marktes ausmachen würden. „Nahezu alle Teilnehmer der Befragung sehen Elektromobilität eher als Übergangstechnologie oder als Nischenprodukt für die Stadt, die zwar einen Teil der künftigen Mobilität ausmachen wird, aber die Märkte vorerst nicht dominieren wird. Rein batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge werden demnach nur einen kleinen Teil der künftigen Flotten darstellen“, heißt es in der Untersuchung. Deshalb fokussierten sich Hersteller und Konsumenten eher auf Hybridfahrzeuge. Insgesamt gebe es eine große Unsicherheit in der Branche, berichten die Wissenschaftler in der Studie. Dies hemme Investitionsund Kaufentscheidungen. Die Forscher empfehlen angesichts der dynamischen Lage einen Zusammenschluss von Unternehmen, um Trends zu erkennen und gemeinsam darauf reagieren zu können.