Die „Zehn rote Ballons“ Methode – Neue Ideen (nicht nur) in Krisenzeiten

GIESSEREI PRAXIS 09/2020
Betriebswirtschaft und Management

Kunden, insbesondere der Automobilindustrie zeigt sich immer deutlicher Auswirkungen. Neue, ungewöhnliche, kreative Ideen sind mehr denn je notwendig. Die im weiteren Text vorgestellte Methode ist kein Allheilmittel, keine Wunderwa!e, wobei sich die Ergebnisse dennoch sehen lassen können. Bei allem Einsatz und Engagement erkennen viele Gießerei-Verantwortliche mögliche Chancen nicht. Nicht weil es an Interesse oder Kreativität mangelt, sondern weil Gelegenheiten nicht gesehen werden, nicht gesehen werden können. Nicht selten erstaunt man darüber, was sich Mitbewerber einfallen lassen und warum man darauf nicht selbst gekommen ist.
Jeder Einzelne bewegt sich in seinen Grenzen, ist als Fachmann für Gießereien ganz nah am Geschäft, für innovative Lösungen manchmal zu nah. Manche Gießereien loben Prämien für Mitarbeiter aus, die Ideen präsentieren, welche zu geldwerten Vorteilen führen. Keine schlechte Idee, allerdings bewegen sich die Mitarbeiter im gleichen Umfeld, neue, ungewöhnliche, bisher nicht in Betracht gezogenen Konzepte werden nicht bekannt. Anderseits „Hinz und Kunz“ einzuladen, Ideen vorzustellen, wird wenig einbringen, da die meisten Externen einfach zu wenig von Technik und Geschäftsmodell der Gießerei verstehen und aus einer Fülle von Ideen die wenigsten praktikabel wären.
Es gibt allerdings eine Möglichkeit von praktikablen Ideen zu erfahren, von solchen, die bisher nicht auf dem sprichwörtlichen Radar auftauchten.

Der „Zehn rote Ballons“- Wettbewerb

Die Aufgabe erschien sehr schwierig, eigentlich unlösbar : An einem Samstagmorgen, den 05. Dezember 2009 würde ein Team zehn rote Ballons in Parks platzieren und diese an Büschen oder Bäumen befestigen. Bei einem Durchmesser von 2,40 Meter waren diese leicht zu finden, das einzige Problem : das Spielfeld war die gesamte Fläche der Vereinigten Staaten. Das Team, welches als erstes alle zehn Ballons finden und dem Veranstalter melden würde, erhält 40.000 US-Dollar. Um den Wettbewerb noch zu erschweren, wurde dieser erst am 29. Oktober bekanntgegeben. Für die Vorbereitung, insbesondere die Teambildung war also nur etwas länger als ein Monat Zeit. Der Veranstalter kündigte an, die Ballons abends wieder einzusammeln und am kommenden Samstag erneut an den gleichen Stellen zu befestigten. Man rechnete mit einem monatelangen Wettbewerb.
Dann löste für alle Beteiligten überraschend ein Team des Universität MIT die Aufgabe. Benötigt wurden acht Stunden, 52 Minuten und 41 Sekunden. Ein erfolgsversprechender Lösungsansatz erscheint relativ klar : man musste ein möglichst großes gleichwohl inhomogenes Team bilden, welches sich aus Mitgliedern zusammensetzt, die unterschiedliche Lebens- und Verhaltensweisen aufweisen und an unterschiedlichen Orten leben. Die meisten Wettbewerber rührten die sprichwörtliche Werbetrommel, lobten Preise aus und nutzen unterschiedliche Medien zur Gewinnung von Mitgliedern für ihre jeweiligen Gruppen. Das zweitplatzierte Team setzt auf diese Vorgehensweise, nutzte über einen Monat lang eine Vielzahl von Kanälen und gewann 1.400 Mitglieder. Das Gewinnerteam stieg in den Wettkampf erst kurz vor Spielbeginn ein, hatte allerdings 4.400 Mitglieder, die in nur 36 Stunden rekrutiert wurden.
Die Strategie war einfach : Für jeden gefundenen Ballon wurde insgesamt eine Summe von 4.000 Dollar ausgelobt. Wenn beispielsweise Sharon einen Ballon fand und dies als erste berichtete, erhielt er die Hälfte der Summe, 2.000 Dollar. War Sharon von Carol auf das Spiel aufmerksam gemacht worden, erhielt diese die Hälfte der verbleibenden Summe, 1.000 Dollar. War es wiederrum Peter, der Carol rekrutierte, gab es für ihn 500 Dollar.[1]
Würde diese Kette in die Unendlichkeit fortgesetzt, käme die Eulersche Zahl zum Einsatz, welche die Summe von siehe Bild bis in die Unendlichkeit fortführt. Diese beträgt 2,72. Entsprechend müsste 2.000 x 2,72 = 5.440 Dollar im theoretisch möglichen, praktisch aber ausgeschlossenen Fall, ausgeschüttet werden, da eine unendliche Kette gebildet wurde.

Die Kevin-Bacon-Zahl
Das Team des MIT, das den erfolgreichen Lösungsansatz einsetzte, konnte ziemlich sicher sein, dass das Konzept erfolgreich sein würde. Der Grund liegt in der Kevin-Bacon-Zahl (KBZ).
Ältere Leser mögen (noch) den amerikanischen Schauspieler Kevin Bacon kennen, der 1984 seinen größten Erfolg mit dem Tanzfilm Footloose hatte. Eines zeichnet Kevin Bacon aus : Er ist perfekt vernetzt. Jeder andere Schauspieler hat mit Kevin Bacon zusammen in einem Film gespielt oder mit einem Schauspieler, der seinerseits mit Kevin Bacon gespielt hat, noch wahrscheinlicher mit einem Schauspieler, der mit dem letztgenannten Akteur gespielt hat. Hieraus lässt sich die KBZ ableiten, diese beschriebt die Länge der kürzesten Kette von Schauspielern, die gemeinsam mit Kevin Bacon in einem Film auftraten. Die längste KBZ soll 8 sein. Bei mehr als 800.000 Schauspielern ist die durchschnittliche KBZ kleiner als 3, was bedeutet, dass der Schauspieler x mit dem Schauspieler y zusammenspielte und letzterer mit Kevin Bacon in einem Film zu sehen ist.
Eine vergleichsweise Analogie stellt die „Kleine Welt Theorie“ auf, die besagt, dass jeder beliebige Menschen jeden anderen Menschen über maximal sechs Kontakte kennt.
Der Einzelne ist offensichtlich näher mit jedem anderen verbunden als gedacht. Gilt dies auch für eine Gießerei? Dann kennt praktisch jeder die Gießerei, ihre Leistungen und Kunden, zumindest aber kennt er jemanden, der jemanden kennt.

Praktische Umsetzung
Die Akquisition (neuer) Kunden und die Entwicklung neuer Leistungen liegen im Mittelstand primär in der Verantwortung des Inhabers und Betriebsleiters, da spezialisierte Abteilungen selten vorhanden sind. Bei allem Einfallsreichtum, bei aller Kreativität wird dabei primär auf eingeübte, bewährte Vorgehensweise gesetzt. Jedem Gießerei-Verantwortlichen ist bewusst, dass es auch andere, möglicherweise erfolgsversprechende Möglichkeiten gibt, dass bestimmte potenzielle Kunden auf ein Angebot eines neuen, ihnen unbekannten, Anbieters warten und pfiffige Lösungen Kunden finden. Diese Gelegenheiten zu suchen bzw. zu finden und aufzugreifen, scheitert aber an den begrenzten Ressourcen. Um auf das Beispiel der Ballons zurückzugreifen : Der Einzelne kann allenfalls die Parks seiner Umgebung absuchen, so allerdings unmöglich alle Ballons finden. Er wird nicht den „zehn rote Ballons“ Wettbewerb
gewinnen können.
Die naheliegende Idee ist die Aktivierung weiteren Mitarbeiter. Viele Unternehmen setzen regelmäßig entsprechende Programme auf. Wird eine gewisse Erfolgsprämie ausgelobt, werden diese Mitarbeiter auf bestehende Ideen oder Kontakte zurückgreifen und die Leistungen ihres Arbeitsgebers anbieten, zumindest aber einen ersten Kontakt herstellen. Sicherlich möchten die Mitarbeiter dem eigenen Betrieb helfen, ihren Arbeitsplatz sichern und eine gewisse Prämie wird kein Mitarbeiter ablehnen. Das Problem ist nur, dass die wenigsten überhaupt wissen, an wen ein Verkauf erfolgen sollte, wie potenzielle Kunden gefunden, angesprochen und überzeugt werden, welche Gießereileistungen am Markt benötigt werden. Der Geselle, die Buchhalterin oder der Lagerist haben gewisse Kenntnis der Leistung, würden sich aber keinesfalls als Experten bezeichnen, weder in Bezug auf den Verkauf noch die Produkte. Der Verkäufer ist kein Technikexperte, der Produktionsleiter kennt die Märkte nur ein wenig. Damit ist für die Betroffenen die Angelegenheit erledigt. Wer keine Erfolgschancen für sich sieht, spielt auch nicht mit.
Hier bietet das „Roter-Ballon“-Model eine veränderte Perspektive. Plötzlich wird Mitmachen für denjenigen interessant, der für sich persönlich keine Erfolgschancen sieht. Wird ein Dritter eingebunden, erhält dieser einen größeren Erfolgsanteil, dennoch bleibt ein Prämienanteil für einen selbst übrig. Oft noch bedeutender ist die Einsicht, dass man nicht selber eine konkrete Möglichkeit sehen muss, als vielmehr jemanden kennt, der diese Möglichkeit für den Arbeitgeber auftut. Und wie bereits der Kevin-Bacon Index aufzeigt : Über weniger Ecken als gemeinhin vermutet, besteht Kontakt mit einer sehr großen Menge an Menschen und damit auch Nachfragern nach Gießereiprodukten.
Ein Vorteil des „Roter-Ballon-Verfahrens“ ist die so genannte „mittlere Distanz“ vieler Teilnehmer zur Gießerei, da deren Auswahl durch Mitarbeiter erfolgt und nicht eine, quasi öffentliche, Aufforderung erfolgt, die zu großen Streuverlusten führen würde.

Transparenz des Erfolgsanteils
Bei jedem Wettbewerb macht nur der mit, der die Spielregeln als transparent und fair bewertet. Bei dem hier dargestellten innovativen Vorgehen sind Schätzungen über Qualität und Anzahl der Vorschläge kaum möglich. Vielleicht gibt es nur wenige Meldungen, vielleicht eine große, gar übergroße Anzahl. Dabei ist für die dauerhafte Nutzung eine rasche, qualifizierte Rückmeldung sinnvoll.
Weiterhin gilt es, den Zeitpunkt der Meldung zu erfassen, um im Falle vergleichbarer vielleicht identischer Ideen den ersten Ideengeber eindeutig zu identifizieren. Dabei gilt es ebenfalls festzuhalten, an welchem Punkt der Meldekette dieser steht, um allen Beteiligten den ausgelobten Erfolgsanteil zukommen zu lassen. Melden ist dabei nicht mit der schlichten Nennung eines möglichen Kunden gleichzusetzen. Es muss bereits ein Kontakt aufgenommen, ein mögliches Projekt zumindest annähernd beschrieben sein und der potenzielle Kunde der Kontaktaufnahme durch die Gießereiverantwortlichen zugestimmt haben. Endscheidend ist und bleibt, dass es zum tatsächlichen Vertragsabschluss kommt.
Schlussendlich gilt es diesen Erfolgsanteil zu quantifizieren und zu verteilen. An dieser Stelle sollen keine pauschalen Vorgaben gemacht werden, unterscheiden sich die Ideen stark voneinander, gibt es einmalige Gelegenheiten und dauerhafte Geschäfte.
Bei der Festlegung des Zahlungszeitpunktes gilt es, deutlich zu machen, dass dieser erst dann erfolgt, wenn auch der Kunde bezahlt. Eine unangenehme, gleichwohl notwendige Nachricht zum Schluss : Entsprechende Prämien müssen durch den Erhaltenden versteuert werden, sind aber für die Gießerei abzugsfähige Aufwendungen.