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Klimaschutz: „Wir schaffen das!“

GIESSEREI PRAXIS 03-04/2021
Energie, Umwelt, Betriebssicherheit
In der Gießerei Lößnitz summen die Bienen, während die Politik auf Bundes- und EU-Ebene weiter an Gesetzen zum Klimaschutz schraubt. Max Jankowsky, Geschäftsführer der Gießerei, kann derweil gelassen den ersten Honig ernten, denn sein Unternehmen ist schon auf dem Weg in die Klimaneutralität.

Es herrscht ein Wuseln, ein Kommen und Gehen am Eingang. Doch wir befinden uns nicht etwa am Werkstor der Gießerei Lößnitz, sondern am Bienenstock, der auf dem Gelände aufgestellt ist. Während die 85 Gießerei-Mitarbeiter Gusseisenteile für Kunden wie VW, Audi oder BMW fertigen, produzieren die Bienen „Lunkergold“ – so heißt der Gießerei-Honig. Die Ernte im Sommer ging an die Beschäftigten, die hier ebenso emsig arbeiten wie die Insekten.  

Dass das schwarz-gelb gestreifte Volk sich hier so wohl fühlt, ist auch ein Verdienst der Umweltstrategie des Unternehmens. Die fleißigen Insekten reagieren empfindlich auf Feinstaub und einsperren kann man sie nicht. „Wenn es ihnen nicht gefällt, sind sie weg“, sagt Max Jankowsky. Gemeinsam mit Jörg Kattermann führt der 27-Jährige seit Anfang 2020 das Unternehmen.  

2017 hat die Gießerei fünf Millionen Euro in eine Entstaubungsanlage investiert. Früher blies die Gießerei eine Tonne schwarzen Staub pro Tag in die Luft des rund 10.000-Seelen-Ortes im Erzgebirge. Jetzt saugt die Anlage 180.000 m³ pro Stunde ab, filtert Stäube und Geruchsemissionen, auch in der Gießereihalle. 2019 hat die Gießerei ihren CO2-Fußabdruck bestimmen lassen und arbeitet seitdem an einer kleineren Schuhgröße: Die Prozesswärme heizt Hallen und Wasser  und trocknet Modelle. Die Mitarbeiter erhielten zu Weihnachten eine Baumpatenschaft und im Osternest liegt für sie eine Patenschaft für einen Quadratmeter Moor in der Norddeutschen Tiefebene, „das enorm viel CO2 speichert“, erklärt Jankowsky. Mit dem Kauf von 7.000 Zertifikaten für Projekte zur Aufforstung in Uruguay und Panama sowie für den Bau eines Wasserkraftwerks in Brasilien hat die Gießerei ihre CO2-Emissionen für 2021 so weit ausgeglichen, dass sie sich laut der Nachhaltigkeitsberatungsgesellschaft „Fokus Zukunft“ klimaneutral nennen darf. 

An dem Thema Umweltschutz kommt keiner mehr vorbei. Die Politik gibt den Weg vor: Klimaschutzziele 2025, Emissionshandelsgesetz, Euro7-Norm, Lieferkettengesetz. Es wird ungemütlich, aber es bewegt sich etwas. Im Jahr 2020 sind die CO2-Emissionen um 8,7 Prozent zurückgegangen, meldet das Bundesumweltamt (UBA). Das entspricht 70 Millionen Tonnen weniger als 2019. Seit dem Jahr der Deutschen Einheit 1990 ist das der größte Emissions-Rückgang innerhalb eines Jahres. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ein Drittel der Reduktion Folge der Corona-Pandemie ist. Dirk Messner, Präsident des UBA, sagt dazu: „Wir sehen, klimapolitische Instrumente beginnen zu wirken, insbesondere der Ausbau erneuerbarer Energien und die CO2-Bepreisung. Doch ohne die Corona-Lockdowns mit den Einschränkungen bei Produktion und Mobilität hätte Deutschland sein Klimaziel für 2020 verfehlt. Das bedeutet, dass die Emissionen wieder steigen werden, wenn die Wirtschaft anspringt. Das gilt besonders für den Verkehrssektor, der sich nicht auf den vergleichsweise guten Zahlen ausruhen kann.“ 

Das sieht auch Jankowsky im Erzgebirge so. „Auch wenn wir jetzt alle mit Corona beschäftigt sind, das Thema Klimaschutz wird wiederkommen, wenn die Pandemie überstanden ist“, sagt er. „In der Gießerei-Branche ist das Thema nicht ganz so präsent, manch einer hat sich versteckt und ist davon ausgegangen, dass eine Symbiose zwischen der
Branche und der Politik nicht möglich ist. Das stimmt aber nicht. Wir schaffen das“, ist er überzeugt. Seine Strategie ist diese: Die Maßnahmen für den Klimaschutz in seiner Gießerei werten auch das Image der Branche auf. „Marketing ist in Gießereien häufig in den Hintergrund geraten. Deshalb wissen viele nicht, was Gießereien eigentlich machen, dass wir Zukunft gestalten und bei vielen Innovationen vorne dabei sind.“ Er wolle mit medialer Präsenz „die Gießereien stärken und den Gießereiberuf attraktiver machen“.

EU erarbeitet ein Lieferkettengesetz
Das Lieferkettengesetz tritt noch in dieser Legislaturperiode in Kraft. In Deutschland bezieht es sich zunächst vor allem auf Menschenrechtsverletzungen, aber auch Umweltschäden könnten darunter fallen, wenn sie denn Menschenrechtsverletzungen nach sich ziehen. Dies ist allerdings häufig der Fall. Das deutsche Gesetz schreibt aber allenfalls Bemühungen vor und sieht von Rechtsmitteln ab. Auf EU-Ebene wird aber bereits eine verschärfte Variante diskutiert, die Verletzungen von Umweltstandards mit einbeziehen und auch rechtliche Konsequenzen vorsehen, sollten die Richtlinien nicht eingehalten werden. 

Nicht nur die Gießereien selbst sind betroffen, sondern auch ihr wichtigster Abnehmer, die Automobilindustrie. „Einer unserer größten Kunden ist VW und die leben uns vor, wohin der Weg beim Klimaschutz geht“, erzählt Gießerei- Geschäftsführer Jankowsky. Er berichtet auch davon, dass Banken zunehmend Kredite erst vergeben, wenn Umweltkriterien erfüllt werden, auch bei Förderprojekten sei das häufig eine Voraussetzung.  

In Arbeit: Strengere Euro7-Norm
Die Automobilindustrie gerät immer mehr unter Druck und mit ihr viele Gießereien. Neben dem Lieferkettengesetz plant die EU eine strengere Euro7-Norm mit strikten Abgasregeln für Benziner und Dieselmotoren. Sie soll im Juni vorliegen und ab 2025 in Kraft treten. Einige fürchten, dass dies das Aus für Diesel und Benziner bedeute. „Wir werden eine Arbeitslosigkeit erleben, wie wir sie noch nie gehabt haben. Wenn die Politiker hier den Hebel umlegen, wird es zappenduster in Deutschland“, sagte BMW-Betriebsratschef Manfred Schoch bei einem Forum des Automobilklubs „Mobil in Deutschland“.  

Die Euro-7-Norm käme einem Verbot des Verbrenners gleich. Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) reagierte scharf auf das Vorhaben. Prof. Ferdinand Dudenhöffer kritisierte hingegen den Branchenverband und rechnet gegenüber Auto Bild vor, dass mit der neuen Euro7- Norm die Mehrkosten pro Auto maximal bei 1.000 Euro lägen. Beim Stickoxid-Ausstoß erreichten viele Dieselfahrzeuge heute schon die Grenzwerte, die erst für 2025 angesetzt seien. Auch der ADAC kritisiert die „Schwarzmalerei“ des VDA. Jankowsky appelliert an die Politik und das tut er auf lokaler Ebene. Auch deshalb möchte er, dass Gießereien in den Medien präsent sind. Viele Abgeordnete wüssten gar nicht, mit welchen Problemen mittelständische Gießereien zu kämpfen hätten, erzählt er. Die würden sagen: „Ihre Kunden sind doch die großen Automobilkonzerne, können sie die Kosten nicht umlegen? Die haben doch genug Geld.“ Es sei Aufgabe der Gießereien, den zuständigen Abgeordneten deutlich zu machen, dass ein mittelständisches Unternehmen nicht von  heute auf morgen das Schmelzaggregat verändern oder aus Koks aussteigen könne, so Jankowsky. „Ich bin doch nicht Thyssen- Krupp“, sagt er. Um solche Missverständnisse auszuräumen, spricht er mit lokalen Abgeordneten und hofft darauf, dass diese bei relevanten Abstimmungen die Bedürfnisse mittelständischer Gießereien im Blick haben. „Es sind bald Bundestagswahlen. Wie es gerade aussieht, rechne ich damit, dass die Grünen mehr als 20 Prozent erreichen werden und die Klimapolitik noch stärker in den Fokus rücken wird“, prophezeit der Jungunternehmer.  

„In unserem Austausch mit den Unternehmen ist einmal mehr klar geworden: Die Industrie wartet händeringend auf verlässliche Rahmenbedingungen, um in klimaneutrale Technologien investieren zu können. Aktuell stehen die Unternehmen zwischen Baum und Borke. Alte fossile Technologien sind kommende Investitionsruinen, für neue innovative Technologien fehlt das Geschäftsmodell“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. Die Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation erarbeitet Wege zur Energiewende, die wissenschaftlich begründet und politisch umsetzbar sind. Dabei sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass Klimaschutz für die Gießereien wirtschaftlich sein muss, so Jankowsky. „Der Endkunde muss es auch mittragen. Wir haben Bedenken, dass wir auf unserem klimaneutralen Guss sitzen bleiben und die Abnehmer in andere Länder abwandern, weil die Kollegen dort billiger produzieren können.“ 

Gutes Klima bringt Fachkräfte in den Betrieb
Jankowsky sieht aber unabhängig von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch noch einen anderen positiven Effekt seiner Bemühungen um ein besseres Klima: Die Filteranlage hat nicht nur die Luft, sondern auch die personelle Situation der Gießerei verbessert: „Wie viele mittelständische Gießereien sitzen wir in einem Mischgebiet, auch noch in Tallage, unsere Emissionen waren im Ort ein großes Streitthema. Die Menschen holten an unseren Gießtagen ihre Wäsche ins Haus, damit sie nicht schwarz wird“, erinnert sich Jankowsky. Das Schmuddel-Image war nicht nur unangenehm für die Belegschaft, sondern verschärfte auch den Fachkräftemangel und die Suche nach Nachwuchs.  

Heute liegt der Altersdurchschnitt des Teams bei 38 Jahren, berichtet Jankowsky. Er schreibt das dem aufpolierten Image zu. Dass die Gießerei klimaneutral arbeitet und in der Presse und den sozialen Medien präsent ist, habe dazu geführt, dass sich mehr junge Leute beworben haben. Einige Bewerber seien nur deswegen gekommen. „Wir zeigen, dass wir eine innovative Startup- Mentalität haben und nicht die verknöcherte Gießerei sind, wo der Chef mit der Zigarre im Ledersessel sitzt.“ Es bewerben sich nicht nur mehr Leute bei der Gießerei, sie haben auch weniger Ängste, ihre Jobs zu verlieren, hat Jankowsky festgestellt. Branchenkollegen rät er: „Einfach anfangen, es muss nicht perfekt sein. Mit Nachhaltigkeit kann man Geld verdienen, man sollte es als Business case sehen.“ Jankowsky ist für den sächsischen Wirtschaftspreis „Unternehmer des Jahres 2021“ nominiert.  

Eisengießerei Lößnitz

  • Gegründet 1849
  • 85 Beschäftigte
  • Produktion für den Maschinen-, Anlagen- und Werkzeugbau mit eigenem Modellbau (Polystyrol im Vollformgussverfahren)
  • Umsatz: 16 Millionen im Jahr
  • Produktion: 13.000 t/Jahr
  • Schmelzbetrieb: Kaltwind-Kupolofen, Schmelzleistung: 16 t/h
  • Werkstoffe: Grauguss und Sphärenguss
  • Investition in den Klimaschutz: 15
  • Millionen innerhalb von zehn Jahren