Motivation und Bindung der Mitarbeiter

GIESSEREI PRAXIS 10/2020
Betriebswirtschaft und Management

Die Pandemie bringt Achterbahnfahrten in die Betriebe – die Motivation der Mitarbeiter kann dabei unter die Räder geraten. Wie können Arbeitgeber sie in diesen Zeiten bei Laune halten?

Die Zeiten sind turbulent und werden turbulent bleiben. Gießereien leiden unter der Corona-Krise, schicken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, bauen Stellen teilweise komplett ab und nehmen Produktionskapazitäten vom Markt. Kommen dann unerwartet Aufträge, gilt es, rasch die Kapazitäten hochzufahren, von der Unter-, zur Normal-, vielleicht zur Überbeschäftigung zu wechseln. Eine Achterbahnfahrt für die Gießerei und ihre Mitarbeiter. Wie kann in diesem Auf und Ab die Motivation hochgehalten, vielleicht sogar gesteigert werden?

Problem:
Innere Kündigung

Menschen achten im Berufs- wie im Privatleben sehr auf den Ausgleich von Leistung und Gegenleistung. Wenn auch kein exaktes Ausrechnen der Vor- und Nachteile durch den Einzelnen erfolgt, schauen die Betroffenen dennoch darauf, dass auf Dauer ein Ausgleich stattfindet. Hat ein Mensch das unbestimmte Gefühl nur „draufzuzahlen“, wird die Beziehung nicht lange anhalten, unabhängig davon, ob es sich um eine geschäftliche Zusammenarbeit oder eine private Freundschaft handelt. Auch wenn eine Kündigung in der aktuellen Situation aufgrund der angespannten Arbeitsmarktlage unwahrscheinlich erscheint, ist eine „innere Kündigung“ für eine Gießerei fast noch problematischer.
Allerdings werden die verschiedenen Lebensbereiche, der private und berufliche Teil, konsequent auseinandergehalten. Gelingt dies nicht, entstehen Irritationen. Der Leser mag sich vorstellen, dass jemand von Verwandten oder guten Freunden zu einem privaten Essen eingeladen wird. Zum Ende des gelungenen Abends erhebt er sich, bedankt sich wortreich und hält fest, dass ein vergleichbares Mahl in einem guten Restaurant mehr als 50 € pro Person kosten würde, ohne Berücksichtigung der Getränke. Er zückt seine Brieftasche und überreicht der Gastgeberin 140 € für sich und seine Begleiterin. Die Reaktion ist vorhersehbar: Erst betretenes Schweigen, dann laute Proteste des Gastgebers. Anschließend würden sich die Anwesenden über das merkwürdige, ja ungebührliche Verhalten echauffieren. Das nochmals eine Einladung erfolgt, erscheint unwahrscheinlich. Ein Gastgeber erwartet ein herzliches Dankeschön, nicht mehr. In der Gießerei wären Mitarbeiter allerdings verärgert, die vom Betriebsleiter überzeugt wurden, Extraarbeit zu übernehmen und statt der erwarteten Bezahlung nur den sprichwörtlichen warmen Händedruck erhalten.

Soziales Miteinander oder der Markt
Menschliches Handeln erfolgt unter zwei, grundsätzlich verschiedenen Normen. Entweder steht das soziale Miteinander im Mittelpunkt oder der Markt. Wie diese Normen auf das Verhalten wirkten untersuchte der amerikanische Psychologe Dan Ariely. Versuchsteilnehmer wurden an einen Computer gesetzt und bekamen die Aufgabe, auf dem Bildschirm mittels der Maus einen Kreis in ein Quadrat ziehen. War die Aufgabe erfüllt, wiederholte sie sich. Diese mechanische, stupide Vorgabe eignet sich gut, um den Einsatzwillen der Testteilnehmer zu ermitteln. Es wurden drei Gruppen gebildet. Die eine erhielt den geringen Betrag von 10 Cent je erfüllter Aufgabe, die nächste beachtliche 4 Dollar, die dritte Gruppe kein Geld, sondern wurde nur freundlich zur Teilnahme aufgefordert. Dass diejenigen, die 10 Cent erhielten keinen übermäßigen Einsatz zeigten und nur auf 101 Kreise kamen, erstaunt kaum. Die besser Bezahlten schafften 159 Kreise, diejenigen die kein Geld erhielten, sogar 168. Soziale Belohnung ist damit wirkungsvoller als Geld! Bei einer näheren Betrachtung fällt auf, dass der Unterschied zwischen der guten Bezahlung und der freiwilligen Teilnahme relativ gering ist, bei einer niedrigen Bezahlung die Leistung jedoch drastisch abfällt. Wer weder eine angemessene Bezahlung noch eine soziale Anerkennung erhält, verspürt schlicht wenig Motivation eine Aufgabe zu erfüllen, nachvollziehbarerweise.
Dabei ist das soziale Miteinander der Menschen kompliziert und aufwendig. Um auf das Beispiel der Essenseinladung zurück zu kommen: Zum Ende des Abends reicht das „Dankeschön“ aus, es mag eine erneute Einladung ausgesprochen werden, erfolgt jedoch keine angemessene Reaktion, kein wie immer gearteter Ausgleich, bleiben die Einladungen irgendwann aus. Der Ausgleich muss nicht ebenfalls in einer Essenseinladung bestehen, niemand erwartet von einem schlechten Koch kulinarische Höchstleistungen. Vielleicht wird stattdessen zu einem Musical eingeladen und alle Beteiligten sind ebenfalls glücklich. Menschen achten darauf, dass langfristig ein Ausgleich von Geben und Nehmen herrscht. Hilft dagegen der handwerklich begabte Nachbar beim Zusammenbau eines Möbels, wird als Ausgleich bspw. die Einladung zu einem Essen ausgesprochen. Obwohl? Mag er nicht Fußballspiele viel mehr? Darauf verspürt man selbst aber wenig Lust. Der soziale Ausgleich ist und bleibt kompliziert.

Von der Mehrleistung
wieder in die Kurzarbeit

Flexibel können Gießereien nur mit flexiblen Mitarbeitern sein. Da Personalkapazitäten in der aktuellen Situation zurückgenommen wurden, muss hierfür häufig Mehrarbeit geleistet werden, mehr als dies den normalen Ansprüchen und dem Arbeitsvertrag entspricht oder kurzfristig die Kurzarbeit zurückgenommen werden. Selbstverständlich soll Mehrarbeit gemäß den Arbeits- und Tarifverträgen bzw. betrieblichen Regelungen entlohnt werden, selbstverständlich ist das Arbeitszeitgesetz zu befolgen. Dennoch stellt sich die Frage, wie Mitarbeiter zu einer Leistung motiviert werden, die den „normalen“ Arbeitsumfang überschreitet. Vor allem in der aktuellen Situation, wenn in der Zeit nach der Auftragserfüllung vielleicht wieder Kurzarbeit droht. Üblicherweise erscheint Geld als die beste, weil pauschalste Lösung. Schließlich wird jeder Mitarbeiter am besten wissen, wie er dies verwenden möchte. Ein persönliches Geschenk kann Freude machen oder auch nicht und der Beschenkte könnte dies vom erhaltenden Geld ohnehin selbst kaufen, von der Mühe bei Auswahl und Beschaffung durch den Schenkenden ganz abgesehen.
Ein Aspekt darf allerdings nicht ausgeblendet werden: Kommt Geld ins Spiel, beginnt das Rechnen, genauer das Ausrechnen, die Gegenüberstellung von Leistung und Gegenleistung. Der Mitarbeiter führt eine überschlägige Berechnung durch, was er für welche Summe als Ausgleich zu leisten bereit ist. So viel wird er dann leisten, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Bei einem Geschenk verhält es sich dagegen anders. Wie oben aufgezeigt erwarten Menschen selbstverständlich eine Gegenleistung, allerdings nicht unverzüglich. Weiterhin sind sie durchaus bereit, eine andere Form des Ausgleichs zu akzeptieren, ein überschlägiger Vergleich erfolgt, ein exaktes Aufrechnen nicht.
Weitere Untersuchungen von Dan Ariely bestätigen diese Sichtweise. Vor die Wahl gestellt, Geld oder ein Geschenk zu erhalten, entscheiden sich die meisten Menschen für das Geld. Ob mit dem Gelderhalt auch eine höhere Leistung verbunden ist, ist dagegen eine andere Frage. Der Reifenhersteller Goodyear stellte 1995 einen neuen Regenreifen vor, dessen Verkauf speziell gefördert werden sollte. Er wurden zwei Verkäufergruppen gebildet, der einen Gruppe wurden Geldbeträge, der anderen eine bestimmte Auswahl von Geschenken im gleichen Wert offeriert. Die Vertriebsmitarbeiter, die das Geld bekamen, steigerten die Verkäufe um 22 %, diejenigen die Geschenke erhielten, um 32%, was auf den bedeutenden Unterschied von 46 % hinauslief.

Weitere Untersuchungen bestimmten den Einfluss von Geschenken auf kurzfristige Zusatzleistungen, welche durch die Mitarbeiter an einem bestimmten Arbeitstag geleistet wurden. Dabei wurde die Wirkung von Geldzahlungen und Pizzagutscheinen miteinander verglichen. Obwohl die Pizzagutscheine aufgrund des jeweiligen Betrages „geldnah“ sind, ergaben sich messbare Unterschiede im Verhalten. Die Produktivität stieg in beiden Fällen am Folgetag um ungefähr 5 % an. Unterschiede zeigten sich am übernächsten Tag. Die Produktivität der Mitarbeiter, die den Pizzagutschein erhalten hatten, ging auf die Ausgangsleistung zurück, die Leistung derjenigen, die Geld bekommen hatten fiel um 7 % unter den Ausgangswert.
Eine deutsche Universität führte 2012 den folgenden Versuch durch: Die Studenten, die teilnahmen, erhielten dafür 12 €/h für diese Aufgabe: Sie sollten drei Stunden lang Texte in einen Computer einzugeben. Eine Kontrollgruppe erhielt diese Geldsumme, sonst nichts. Zusätzlich wurden vier weitere Gruppen gebildet, wobei die jeweilen Mitglieder unterschiedliche Zusatzleistungen erhielten:

  • Ein Bonus von 2 €, ca. 20 % des Entgeltes
  • Ein originell verpacktes Geschenk in Wert von ca. 7 €
  • Die Wahl zwischen dem zusätzlichen Entgelt und dem Geschenk
  • 7 € als Origami gefaltet und in einem netten Umschlag übergeben

Die Wirkung der Gaben wird in Bild 1 dargestellt. Leicht ersichtlich bewirken, bis auf die schlichte Geldübergabe, alle anderen Zusatzleistungen eine zusätzliche Leistung. Grundsätzlich gilt: Je „sozialer“ ein Geschenk ist, desto größer ist dessen Wirkung. Soziale Geschenke wirken nicht allein kurzfristig, sondern auf längere Dauer. Geld „verschwindet“ unter den weiteren Einkünften, eine spürbare Wirkung wird nicht entfaltet, an ein Geschenk – sei es eine Sachleistung oder eine Veranstaltungsteilnahme – erinnern sich die Beschenkten dagegen sehr viel länger.

Die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung
Für die praktische Umsetzung gibt es viele Möglichkeiten. Diese unterscheiden sich vor allem durch deren Geldnähe bzw. -ferne. Wobei sich eine entsprechende Reihenfolge entwickeln lässt.
Besonders wirkungsvoll ist eine Gabe, die Freunde bzw. Angehörige des Mitarbeiters einbezieht, wenn beispielsweise Karten für eine bestimmte Veranstaltung oder ein Restaurantgutschein überreicht werden. Sicherlich eignet sich nicht alles für Jeden. Viele mögen sich über Fußballkarten freuen, ein andere zu einem Autorennen gehen. Einer möchte zu einer Gin-Verkostung, der andere trinkt grundsätzlich keinen Alkohol. Die Gabe der Geschenkauswahl ist recht unterschiedlich entwickelt. Der eine Betriebsleiter hat für jeden Mitarbeiter eine passende Idee, dem andere fällt bei allem Nachdenken wenig ein. Wer sich an Weihnachten oder den letzten Geburtstag des Lebenspartners erinnert, weiß wovon hier die Rede ist. Zählt der Leser zur letztgenannten Gruppe, kann eine Befragung der Kollegen helfen, als auch der Mitarbeiter selbst nach dem Freizeitverhalten gefragt werden, Aufkleber auf Taschen, Schränken und Privatfahrzeugen geben ebenfalls Hinweise. Oft gibt es einen Ansprechpartner, eine Ansprechpartnerin in der Verwaltung, bei der die Mitarbeiter sehr viel offener Privates berichten, als bei ihrem Vorgesetzten. Die Verantwortlichen können um Hinweise gebeten werden. Nicht erst zu dem Zeitpunkt, zu dem es notwendig wird, ein Geschenk zu machen, sondern bereits im Vorfeld. Eines ist sehr wahrscheinlich: Der Zeitpunkt wird kommen. Sicherlich ist ein anständiger Umgang und eine angemessene Entlohnung erste Voraussetzung angemessener Leistungen, ist aber ein Mehreinsatz erforderlich, kann sich ein ungewohnter, kreativer Weg auszahlen, für die Gießerei wie den Mitarbeiter.