Technologie-Offenheit satt Tunnelblick auf der Euroguss

GIESSEREI PRAXIS 2020/1-2
Euroguss
Tagungen und Messen
Was die Branche umtreibt, war auch auf der Euroguss deutlich spürbar: Elektromobilität, Klimaneutralität und Additive Fertigung waren die zentralen Gesprächsthemen auf der Messe. Die Forderung eines bayrischen Politikers nach einer Technologie-Offenheit für Antriebstechniken stieß auf große Zustimmung.

„Die Druckgießer müssen sich auf strukturelle Änderungen einstellen“, sagt Hartmut Fischer, Präsident des Verbands Deutscher Druckgießer, die vielen Insolvenzen seien ein „Alarmsignal“ (Lesen Sie dazu auch den Artikel zur Zukunft der Gießerei-Industrie ab Seite 23). Er fügt aber gleich hinzu: „Ohne Druckguss läuft nichts.“   

Die Elektromobilität war der zentrale Dreh- und Angelpunkt auf der Euroguss, das Thema omnipräsent. Das zeigt sich zum Beispiel im Programm des Druckgusstages. Dort sprach Stuart Wiesner, Geschäftsführer von Rheinfelden Alloys, darüber, welche Legierungen sich für die Strukturbauteile in der Elektromobilität eignen. Andreas Hennings, Global Programs Manager des Aluminiumverarbeiters Nemark Europe richtete seinen Blick auf Aluminium-Batteriegehäuse. Achim Keidies, Leiter Aluminiumgießerei und Entwicklung bei Franken Guss, stellte die Vorteile des laminaren Druckgusses für Leichtbau-Fahrzeuge vor.  

Ausdrücklich begrüßt wurden die Äußeim Bayrischen Wirtschaftsministerium, am ersten Messetag: „Der klassische Verbrennungsmotor ist nicht abgeschrieben und synthetische Kraftstoffe sollte man im Auge behalten“, sagte er und sprach sich damit für eine Technologieoffenheit aus. Das weckte Hoffnungen in einer Branche, die mit der Bundespolitik, die Elektromobilität zu forcieren, offenbar nicht glücklich ist. „Der Staatssekretär hat damit vielen aus der Industrie aus der Seele gesprochen“, sagt Fischer. 

„Keiner weiß, wie esweitergeht.“
15.000 Fachbesucher waren zur Euroguss nach Nürnberg gekommen, das waren etwas weniger als noch 2018 (15.354 Besucher). Damit setzt sich ein Trend fort, der sich auch schon auf der GIFA oder der Automobilmesse in Frankfurt gezeigt hat. „Trotz der wirtschaftlich nicht einfachen Zeiten haben wir die Besucherzahlen der vorherigen Euroguss beinahe erreicht. Es gab etwas weniger Traffic, aber wir hatten qualitativ gute Gespräche“, berichtet VDD-Präsident Fischer, der als Geschäftsleiter von Stihl Magnesium Druckguss auch als Aussteller auf der Euroguss war.  

Zufrieden war auch Robert Kristo, Vertriebsleiter bei Föhl. Das Unternehmen ist Spezialist für Zinkdruck- und Kunststoffspritzguss und will 2020 klimaneutral produzieren. Das stieß auf viel Interesse, davon zeugt auch Kristo am letzten Messetag: Seine Stimme ist fast weg. Die Euroguss sei für sie wichtiger als die GIFA, der Föhl-Stand sei jeden Tag gut besucht gewesen. Zur Stimmung der Branche sagt er: „Keiner weiß, wie es weitergeht. Der Bereich Automotive bringt viel Unsicherheit in die Branche.“ Er habe bemerkt, dass es bei der Euroguss 2020 aus der Automobilindustrie im Vergleich zur vorherigen Euroguss eine deutliche Zurückhaltung gegeben habe: Ein großer Automobilzulieferer sei diesmal beispielsweise nur mit einem statt wie zuvor mit zwei Bussen angereist. Kristo ist mit der Messebilanz dennoch sehr zufrieden: Die neuen Themen Elektromobilität und Klimaneutralität sind für uns positiv. es öffnen sich für uns neue Geschäftsfelder“, berichtet er.  

Das Thema Klimaschutz beschäftigte nicht nur die Inhalte, auch in der Präsentation der Aussteller schlug es sich sichtbar nieder. Viele Stände waren mit Hölzern, üppigen Grünpflanzen und Naturfotografien  estaltet − sicher kein Zufall, sondern ein Seismograf dafür, wohin die Branche ihren Blick richtet. Der wendet sich auch immer häufiger neuen Geschäftsfeldern zu: „Wir haben einige interessante Gespräche abseits des Automobilbereichs auf der Messe geführt“, berichtet der Geschäftsführer einer Gießerei für Aluminium- und Zinkdruckguss, der nicht namentlich genannt werden möchte. Seine Gießerei war bislang auf die Automobilbranche spezialisiert, will sich aber in Zukunft nicht mehr nur auf diese Sparte verlassen. 

Selbstverständlicher Gast: Additive Fertigung
Kampfgeist und Einfallsreichtum waren vielfach wahrnehmbar und in diesem Umfeld gedeihen auch neue Technologien gut − an erster Stelle unter ihnen die Additive Fertigung, die längst keine Nischentechnologie mehr in der Gießerei-Branche ist. Auch das ließ sich am Messegeschehen deutlich ablesen. Nicht nur unter den Ausstellern war der 3D-Druck ein mittlerweile selbstverständlicher Gast, auch unter den Vorträgen auf dem Druckgusstag und insbesondere auf der sogenannten Speakers Corner gehörte der 3D-Druck zu einem viel beachteten Thema: Konturnahe Kühlkanäle, die direkt in die Form eingedruckt werden können oder die Reparatur von Druckgusswerkzeugen und -formen mittels Additiver Fertigung sind nur einige von vielen Beispielen, die auf der Euroguss vorgestellt und diskutiert wurden. 

„Die Druckgussfamilie war hier“, sagte Fischer am letzten Eurogusstag. Und wie das bei Familientreffen so üblich ist, treffen damit auch Freude, Sorgen, Traditionen und neue Ideen aufeinander und im besten Fall arbeiten alle daran, dass die Familie gesund in die nächste Generation wächst.