Tief durchatmen und mal eben schnell die Welt retten

GIESSEREI PRAXIS 05-06/2020
Vermischtes
Energie, Umwelt, Betriebssicherheit

Auch während der Corona-Krise bleiben für Gießereien die Themen Umweltschutz und die CO2-Reduktion Dauerbrenner. Denn daran ist maßgeblich die Zukunft der Branche geknüpft. Welche aktuellen Entwicklungen stehen an und welche Fördermöglichkeiten gibt es?
Umweltauflagen nehmen die Giesserei-Industrie in die Zange und seit Corona die Welt auf den Kopf stellt, schmerzen diese Druckpunkte die Branche noch mehr. „Wie sollen wir das alles stemmen?“, fragen sich viele. Ein Großteil ist froh, wenn sie die Klippen der Wirtschaftskrise, die sich jetzt auftürmen, sicher umschiffen. Weitere Felsen wie CO2-Reduktion, die EEG-Umlage oder
BREF-Auflagen schüren bei vielen die Sorge, dass sie in diesem Gewässer ihren Kahn nicht mehr stabil halten können.
Aber die Zukunft endet nicht mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARSCoV2, sondern hangelt sich stetig am Umweltschutz entlang: Mindestens bis 2050, sprich die kommenden 30 Jahre, wird dieses Thema unsere Gesellschaft massiv begleiten – wenn man nur an den Klimaschutzplan 2050 denkt. Die Ziele sind sportlich, die Branche muss sich also gerade jetzt in Form halten und darf diese nicht aus den Augen verlieren. Mit Corona nimmt das Thema Umweltschutz womöglich noch weiter an Fahrt auf. Zwar setzt US-Präsident Donald Trump angesichts der Corona-Pandemie Umweltauflagen außer Kraft − auf dem deutschen wie europäischen Markt wird das aber wohl nicht passieren.

Ein Bündel aus Auflagen
und Födermöglichkeiten

Das Bundesumweltamt überarbeitet gerade das BVT-Merkblatt (BVT: beste verfügbare Technik) für die Schmiede- und Gießereiindustrie (SF BREF). „Aus Deutschland haben sich circa 70 Anlagen bereiterklärt, an der Daten- und Informationssammlung teilzunehmen. Eigentlich sollte diese von Ende März bis Ende Juni 2020 stattfinden, wurde nun jedoch auf Mitte September 2020 verlängert. Wir wissen auch über den BDG, dass die Gießereien stark von der Krise betroffen waren und sind. Daher ist derzeit unklar, wie viele sich tatsächlich an der Datensammlung beteiligen werden können. Der BREF-Prozess wird sich wahrscheinlich noch bis 2021/2022 hinziehen.“, sagt Fabian Jäger-Gildemeister aus der Abteilung „Fachbegleitung Gießerei- und Schmiedeindustrie“ beim Bundesumweltamt.
Auch die neue „Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft“ (TA Luft) sollte eigentlich 2020 verabschiedet werden: „Aktuelle Diskussionen über diese drehen sich noch immer um die Landwirtschaft, die gießereispezifischen Punkte haben wir mit den Ländern und dem BDG bereits vor Längerem mit guten Ergebnissen abgeschlossen. Unser primäres Ziel bei der SF-BREF-Überarbeitung ist es, die Anforderungen der neuen TA Luft auch im neuen SF BREF umzusetzen“, berichtet Jäger-Gildemeister.
Die Umstellung der Anlagentechnik auf eine CO2-neutrale Produktion ist eine Herausforderung, der sich die Gießerei-Industrie stellen muss. „Hier sind die Gießereien
mit einem, im Vergleich zu anderen Branchen, bereits hohem Anteil an elektrisch beheizten Öfen schon besser aufgestellt und verfügen über entsprechendes technisches Potenzial. Dennoch wird es sowohl eine wirtschaftliche als auch technische Herausforderung, diese Umstellung bis 2050 zu realisieren.“
Um die Umweltauflagen zu erfüllen, hat die Gießerei-Industrie einige Möglichkeiten, Förderungen zu erhalten. So bietet beispielsweise das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) im Förderpaket „Bundesförderung für Energieeffizienz in der Wirtschaft“, insbesondere in Modul 4, auch die Möglichkeit, neue CO2-arme Techniken für
die Prozesswärmeerzeugung zu fördern. So auch im Förderprogramm „Dekarbonisierung der Industrie“ des Bundesumweltministeriums (BMU), welches zurzeit noch als Förderfenster im BMU-Umweltinnovationsprogramm (UIP) läuft, demnächst aber eigenständig sein wird. „Das UIP ist Deutschland ältestes Umweltförderprogramm, in dem seit über 40 Jahren umweltfreundliche Technikinnovationen gefördert werden − auch schon zahlreiche Gießereivorhaben“, erklärt Jäger-Gildemeister. Es unterstützt derzeit Demonstrationsvorhaben zur erstmaligen großtechnischen Anwendung von Technologien und Verfahren zur Reduktion prozessbedingter Treibhausgasemissionen. Das neue Programm soll noch in diesem Jahr starten und Anlageninvestitionen zur Reduktion von prozessbedingten Treibhausgasemissionen unterstützen. Ansprechpartner ist dann das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI).
Im Bereich Forschung und Entwicklung gibt es das Ressortforschungsplan-Vorhaben des Bundesumweltamtes mit dem Titel „CO2-neutrale Prozesswärmeerzeugung: Umbau des industriellen Anlagenparks im Rahmen der Energiewende: Ermittlung des aktuellen SdT und des weiteren Handlungsbedarfs zum Einsatz strombasierter Prozesswärmeanlagen (FKZ: 3718410030)“ vom Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung Karlsruhe und dem Institut für Industrieofenbau und Wärmetechnik (IOB) der RWTH Aachen.
Im Forschungsvorhaben „Energiewende in der Industrie: Potenziale, Kosten und Wechselwirkungen mit dem Energiesektor“ erarbeitet ein Konsortium aus der Unternehmensberatung Navigant, dem Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER), der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und die Kanzlei
BBG „wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse für die Weiterentwicklung politischer Instrumente zur Ausgestaltung der Energiewende in der Industrie“, heißt es in der
Projektbeschreibung. Das Forschungsvorhaben wird vom Bundeswirtschaftsministerium
gefördert.

Inspiration bei
Branchenkollegen

Inspiration gibt es reichlich auch innerhalb der Branche, viele Gießereien haben sich beim Thema Umweltschutz schon bewegt: Die Deutsche Energie-Agentur (dena) hat gerade 13 Leuchtturmprojekte ausgewählt, die beim Klimaschutz besonders vorbildlich agieren. Darunter sind auch zwei Gießereien: Die ACO Guss GmbH in Kaiserslautern und die Harz Guss Zorge GmbH.
Die ACO Guss GmbH in Kaiserslautern hat es mit einem Projekt zur Abwärmenutzung unter die ausgewählten Leuchttürme geschafft: Mit der Abwärme versorgen sie nicht nur das eigene Betriebsgelände, sondern auch ein angrenzendes CO2-neutrales Stadtentwicklungsprojekt mit hunderten Wohnungen und Büroflächen. Die Auswahl begründet Armin Kühn, Projektleiter der dena so: „Der systematische Ansatz der ACO Guss GmbH, welcher perspektivisch zu einer 100-prozentigen Wärmeversorgung des Unternehmensstandortes sowie eines benachbarten Quartiers mit Abwärme führt, ist gut auf weitere Unternehmen übertragbar. Er zeigt, wie die integrierte Energiewende gelingen kann, indem CO2-freie Abwärme aus den Kernprozessen der energieintensiven Industrie in kommunalen Wärmenetzen eingesetzt wird.“
„Abwärmenutzung klingt auf den ersten Blick trivial, bringt aber doch einige knifflige Aufgaben mit sich“, erklärt Stefan Weber, Geschäftsführer der ACO Guss GmbH. Die Abwärme entsteht nur während der Produktionszeit der Öfen, also nicht 24 Stunden lang und auch nicht täglich. Hinzu komme, dass für die Warmwasserversorgung von Wohnhäusern eine Temperatur von mindestens 65 °C notwendig ist, die Öfen der ACO Guss aber eine Abwärme von 45 °C produzieren. Um diese Probleme zu lösen, erhält das Unternehmen auf der Nutzerseite Unterstützung vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE).
Weber erklärt außerdem welche Unterstützung die Gießerei durch den Leuchtturmstatus erhält: „Die dena unterstützt uns, indem deren Fachleute Sparringpartner für uns sind, wir profitieren darüber hinaus von dem Netzwerk mit den anderen Leuchtturm-Unternehmen, von denen für uns zum Beispiel die Papierindustrie interessant ist. Schließlich bietet die dena eine Fördermittelberatung, die für uns sehr hilfreich ist, denn ohne Fördermittel läuft so ein Projekt nicht und die dena hat einen guten Überblick über die Möglichkeiten, die wir ausschöpfen können. Auch die Marketingeffekte der Teilnahme sind für uns wichtig, denn so können wir uns als innovative, nachhaltige und umweltfreundliche Gießerei positionieren.“
Die Wahl der zweiten Gießerei unter den Leuchtturm-Unternehmen, die Harz Guss Zorge GmbH, begründet der dena-Projektleiter Kühn so: „Das Unternehmen Harz Guss Zorge plant vielseitige Maßnahmen zur Energieeffizienzsteigerung. Dabei berücksichtigt es neben Potenzialen an Kernprozessen und Querschnittstechnologien auch die Potenziale zur Prozesswärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien. Diese ganzheitliche Perspektive macht das Vorhaben zu einem Leuchtturmprojekt.“ Das Unternehmen hat 500 Beschäftigte und eine Kapazität von 50.000 Tonnen p. a., zu seinen Kunden gehören Daimler, MAN oder Liebherr. Es kann die Zertifizierungen EN ISO 9001:2008 sowie ISO/TS 16949:2009 und ein Umwelt- und Energiemanagementsystem nach der EG-Verordnung Nr. 1221/2009 und EN ISO 14001:2004 (EMAS) vorweisen. Auf der Internetseite der Harz Guss Zorge GmbH heißt es unter dem Punkt „Unternehmenspolitik: „Der Umweltschutz gehört für Harz Guss Zorge ebenso zu einer Voraussetzung für den Unternehmenserfolg. Es ist unser Ziel, die natürlichen Ressourcen zu schonen und Energien effizient einzusetzen.“
Beide Leuchtturm-Gießereien zeigten auch, welche Herausforderungen die Klimaschutzziele der Bundesregierung für die Branche und die Praxis generell darstellen, heißt es von Seiten der dena. Das Leuchtturmprojekt mit seinem branchenspezifischen Ansatz diene auch der Diskussion dieser Herausforderungen, um Standortsicherung, Transformation und Klimaschutz in Einklang bringen zu können.
Wer die Leuchtturm-Bewerbung verpasst hat, kann sich jetzt noch für den Energy Efficiency Award bewerben. Interessenten können Energieeffizienzprojekte und -konzepte noch bis zum 15. Juni 2020 digital unter www.EnergyEfficiencyAward.de einreichen. Die Auszeichnung ist mit Preisgeldern von insgesamt 30.000 Euro dotiert. Schirmherr ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Weitere Informationen über staatliche Förderung bietet die dena auf
www.co2-leuchttürme-industrie.de.