Vom klassischen Maschinenbau zum agilen Arbeiten eines Programmierers

GIESSEREI PRAXIS 12/2019
Betriebswirtschaft und Management
Die Elektromobilität krempelt Volkswagen komplett um: Elektroautos sind künftig Softwarepakete auf Rädern und deshalb stellt der Automobilhersteller seine Produktion auf agiles Arbeiten um. Was das bedeutet, erklärte der Leiter CAE-Methodenentwicklung bei VW auf dem ESI-Forum in Berlin.

„Das klassische Maschinenbauunternehmen VW wird programmieren lernen müssen“, sagt Ralph Sundermeier, Leiter CAE-Methodenentwicklung bei der Volkswagen-Gruppe auf dem ESI-Forum, das Anfang November in Berlin stattfand. CAE steht für Computer Aided Engineering − rechnerunterstützte Arbeitsprozesse.
Die Herausforderung dabei sei unter anderem, dass Ingenieure, die bislang nach klassischen Prinzipien des Maschinenbaus gearbeitet haben, sich auf so genanntes „agiles Arbeiten“ umstellen müssen, erklärt Sundermeier. Das Prinzip ist in der IT-Branche geläufig: Produkte werden laufend entwickelt, verbessert und angepasst. Ein Fahrzeug beispielsweise, das unter dieser Fahne entsteht, kommt also nicht auf den Markt und bleibt wie es ist, bis es ein neues Modell gibt, sondern entwickelt sich laufend weiter − so soll es sich auch länger auf dem Markt behaupten. Die Entwicklung eines Modells erfolgt dann nicht mehr langfristig, sondern in kurzen kleinen Schritten. Ein Prinzip das vor allem in den USA populär ist und nach dem auch Tesla arbeitet. Künftig werden Kunden nicht nur ein Elektroauto, sondern damit auch ein Softwarepaket kaufen: Sie wollen Reichweiten kalkulieren oder den nächsten Ladepunkt reservieren, erklärt Sundermeier. „Für Programmierer ist das normal, für Maschinenbauer neu“, fasst Sundermeier zusammen. Das erfordere ein Umdenken für die Herstellung und stelle VW vor eine weitere Herausforderung: Der Bedarf an Personal mit einer Ausbildung in CAE-Simulationen steige bei VW bis 2025 auf den Faktor 12,5. So viel Personal kann bis dahin gar nicht ausgebildet werden. Deshalb geht der Automobilhersteller diesen Weg: CAE-Simulationen müssen wie eine App funktionieren, sodass sie auch Menschen ohne eine entprechende Ausbildung bedienen können.
„Das Zeitalter der Digitalisierung wird uns noch eine ganze Weile neue Möglichkeiten bescheren. Es ist nicht mehr die Frage, ob man es macht, sondern wie“, sagt Sundermeier. VW möchte bis 2050 CO2-neutrale Mobilität anbieten und wählt dafür den Weg der Elektromobilität, die Batterien dafür wird VW künftig selbst herzustellen. Am Beispiel des Automobilherstellers lässt sich gut ablesen, welche Herausforderungen die Zukunft bringt − nicht nur für die Automobilindustrie.

Vernetzte Autos, simulierte Realität

Wohin es in Zukunft gehen kann, disktutierten auch andere Referenten, des mit Fachvorträgen gut gefüllten ESI-Forums. ESI ist Spezialist für Simulationssoftware −unter anderem auch für die Gießereibranche − und Spezialist für Crash-Simulationen. Die Zusammenarbeit mit VW geht bis auf das Jahr 1985 zurück.
Christoph Gümbel, Zukunftsforscher bei Future Matters, bereitet die Zuhörer auf diese Szenarien vor: Autos werden ständig vernetzt sein und der Innenraum wird sich in einen Multimediaraum verwandeln. Francisco Chinesta, Professor für Computerphysik an der Ensam Paris Tech, erörtert gestenreich und mit beeindruckendem Enthusiasmus vor welche Herausforderung die Simulation der Realität die Forscher stellt, die z. B. für das autonome Fahren notwendig ist. Unterstützung finden die Entwickler dabei bei der Künstlichen Intelligenz. Ein Computer könne in einer Sekunde so viele Funktionen ausführen, wie ein Mensch in seinem ganzen Leben, so Chinesta. Unterhaltsam erzählte auch Eberhard Haug, Co-Gründer von ESI, von den ersten Schritten des Unternehmens in den 1970er Jahren.
Das ESI-Forum fand Anfang November in Berlin statt. Im Rahmen der Veranstaltung gab es Vorträge zu den Bereichen Automotive, Aerospace sowie Industrial & Machinery. Am zweiten Veranstaltungstag hatte das Unternehmen einen Schwerpunkt auf Simulationen gesetzt. Im Rahmen des Forums feierte ESI außerdem das 40-jährige Bestehen des Unternehmens.

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