Von seltsamen Hügeln und Kupferwerken

GP 11/2019
Metallurgie
Schmelzen
Simone Franke, Herausgeberin des „Giesserei Lexikons“, reist durch Finnland und das Fachwissen reist ja bekanntlich mit. Kein Wunder also, dass sie zwischen endlosen Birkenwäldern, Seen und Mökkis in Nordkarelien über einen Fachbegriff aus dem „Giesserei Lexikon“ stolpert.

Unterwegs auf der Straße 477 und weiter auf der 504, Birkenwälder wechseln sich mit Seen ab, links und rechts, scheinbar endlos – Finnland eben.
Dann das Ortsschild, noch im Wald: Outokumpu. Der Straße folgend, denke ich etwas angestrengt nach: Ein Begriff im „Giesserei Lexikon“ enthält ein Verfahren passend zu diesem Ortsnamen – stimmt: Thema „Kupfergewinnung“ und es bedurfte durchaus einiger Aufmerksamkeit für die richtige Schreibweise als wir es bearbeiteten. Also Outokumpu.

Wie in vielen Städten Nordkareliens ist auf den ersten „grünen“ Blick kaum zu vermuten, dass hier mehr als 7.000 Menschen leben, um genau zu sein 15,9 Einwohner pro Quadratkilometer. Internetempfang 4G und öffentliches W-Lan sind auch zwischen Birken und Seen im hohen Norden kein Thema. Finnland eben, wo der weltweit erste Internetbrowser mit der Benutzeroberfläche UX von drei finnischen Technikstudenten 1994 erfunden wurde.
Es ist Juli und Urlaubszeit in Finnland, somit ist in der Ortschaft auch niemand zu sehen. Die Finnen verbringen diese freien Sommertage an einen der über 185.000 Seen ihres Landes, in ihren Blockhäuschen (Mökki genannt), oftmals ohne Strom und fließendes Wasser aber unbedingt mit Sauna. Statistisch betrachtet verfügt jeder dritte Einwohner über ein Mökki.

Es ist zu ergänzen, dass ein Saunagang in Finnland keineswegs allein der Gesundheitsvorsorge dient. Das oft tägliche Saunieren in den 2,2 Millionen Saunen der rund 5,5 Millionen Einwohner ist dem Tanken von Energie und auch der Geselligkeit verpflichtet. Die Sauna in Finnland unterliegt nicht den straffen Durchführungsregeln, wie anderenorts in Bild und Schrift an jeder Saunatür angeschlagen. Während geselliger Saunagänge können durchaus  Würstchen und weitere Leckereien im Nebenraum warten − Finnland eben.

 

Schwebeschmelzverfahren für Kupferkonzentrate


Aber zurück zum Thema: zu „Outokumpu“, was so viel wie „seltsamer Hügel“ auf Finnisch bedeutet. Anfang des 20. Jahrhunderts nannte sich das Dorf an diesem Hügel noch Kuusjärvi. Ab 1910 wurde dort das reichhaltigste und größte Kupfererzvorkommen Finnlands entdeckt und bergmännisch abgebaut. In einem am selben Standort befindlichen Kupferwerk wurde das Kupfer verhüttet und veredelt. Erst 1968 bekam die Gemeinde den Namen des Bergwerkes „Outokumpu“.

Das heute im Nasdaq notierte gleichnamige Unternehmen Outokumpu, mit Sitz in Helsinki, international führend nunmehr im Bereich Edelstahl, beschäftigt 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in mehr als 30 Ländern. Die technologische Entwicklung des Schwebeschmelzverfahrens oder auch Outokumpu-Verfahrens durch die Metallurgen des Unternehmens erfolgte bereits zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Die damals weltgrößte Elektroschmelzanlage im Osten Finnlands in Imatra wurde an einen sicheren Ort verlegt, an dem die bislang vorteilhafte Nutzung von Wasserkraft aber nicht mehr möglich war. Aufgrund höchster Strompreise in diesen Jahren entwickelte Outokumpu gezielt ein autogenes Schmelzverfahren, das die natürliche Reaktionswärme zwischen Eisen- und Kupfersulfiden nutzt, um das Erzkonzentrat auf Schmelztemperatur zu bringen. Dieses wurde erfolgreich in die Produktion überführt, technisch weiterentwickelt und wird heute weltweit für die schmelzmetallurgische Verarbeitung von Kupferkonzentraten für Großmengen eingesetzt.

1989 wurde in Outokumpu der Kupferbergbau eingestellt und das Bergwerk wurde zu einem Museum. Bereits zehn Jahre vor der Stilllegung wurden geplant neue Industriebetriebe angesiedelt. Heute arbeiten dort 900 Beschäftigte in 50 Betrieben. Ich fahre weiter nördlich auf der Straße 504 durch Birkenwälder und vorbei an Seen, fast allein aber immer mit wachsamen Augen auf die in regelmäßigen Abständen im Wald fest installierten Blitzeranlagen. Auf den gut ausgebauten Straßen wird Tempo 60 oder 80 km/h angezeigt, die Autobahnen im Süden des Landes dürfen mit 100 bzw. 120 km/h befahren werden. Und wichtig zu wissen: Die Strafen für Verkehrssünder sind in Finnland einkommensabhängig.

Und da gibt es noch etwas zum Staunen: den „Tag des Versagens“, der jährlich am 13. Oktober begangen wird. Auf der Internetseite skandinavien.eu steht dazu: „Zwar handelt es sich dabei nicht um einen offiziellen Feiertag, doch im Kalender nimmt der skurrile Gedenktag einen festen Platz ein. Seit 2010 werden persönliches Scheitern, eklatante Dummheiten und peinliche Versäumnisse als Ereignisse gefeiert, aus denen nützliche Erkenntnisse für den künftigen Lebensweg gezogen werden.“ Also, Finnland: Ich komme gern wieder!