„Wir sind ja nicht Kleinkleckersdorf”

GIESSEREI PRAXIS 2020/1-2
Allgemein
Euroguss
Mobilitätswandel, CO2-Reduktion und Additive Fertigung. Die Zukunft bringt Herausforderungen, Umwälzungen und auch spannende Entwicklungen für die Gießereien. Wir haben uns umgehört: Was bewegt die Branche, wie blickt sie in die Zukunft, wie ist die Stimmung? Diese nicht-repräsentative Umfrage zeigt ein paar Schlaglichter auf ausgewählte Tendenzen, die Gießereien und die daran angedockte Industrie beschäftigt.

Auf Messen wie der Euroguss oder der GIFA konnte man es deutlich spüren: Die Stimmung in der Gießerei-Branche ist abwartend. Viele Unwägbarkeiten – ungeklärte Handelskonflikte, die tatsächliche Marschrichtung der Mobilitätswende – sorgen dafür, dass viele erst einmal schauen wollen, wohin die Reise denn überhaupt geht. Die Meinungen gehen zum Teil auseinander: Von Ärger über die Fokussierung auf den Elektromotor bis hin zu Optimismus, weil Bewegung auch immer Chancen mit sich bringt, wie neue Geschäftsfelder beispielsweise. Jetzt werden die Weichen gestellt – wohin reisen Sie?  

Timo Würz, Generalsekretär CEMAFON und CECOF, Geschäftsführer VDMA Metallurgy:
„Das Thema Nachhaltigkeit muss man nicht nur als Bedrohung verstehen, ich sehe das optimistisch. Es führt zu einem enormen Strukturwandel, der große Investitionen mit sich bringt. Das ist natürlich erst einmal unbequem. Aber es ist kein Zufall, dass Ursula von der Leyen vom Green Deal spricht und sich damit auch auf den New Deal der 1930er Jahre des damaligen US-Präsidenten Franklin Delano Rooseveldt bezieht – das Maßnahmenpaket aus Wirtschafts- und Sozialreformen sollte die amerikanische Wirtschaft aus der Rezession führen.

Die deutsche Wirtschaft könnte auf dem Gebiet der nachhaltigen Technologien den Takt vorgeben. Wir sind ja nicht Kleinkleckersdorf. Ich sehe die Entwicklung als große Chance für neue Geschäftspotenziale.“  

Frank Neumann, Geschäftsführer Initiative Zink:
„Auf die Branche kommt Einiges zu. Die gute Nachricht ist: Die Anwendungen für den Zink-Druckguss werden breiter. Wir sind gespannt, wie sich das Thema Elektromobilität entwickelt, denn es ist noch undurchsichtig, wohin die Reise vor dem Hintergrund der Rohstoffverfügbarkeit und Akzeptanz in der Bevölkerung geht. Die größeren Druckguss-Unternehmen reagieren abwartend bis nervös.  

Eine Herausforderung ist die Verantwortung für den Nachweis des CO2-Ausstoßes in der Lieferkette, das ist besonders für kleinere Gießereien schwierig sicherzustellen. Für das Rohmaterial Zink bietet die Initiative Zink/ International Zinc Association aktuelles Datenmaterial an. Wir müssen abwarten, was die Abnehmer verlangen. Unternehmen müssen sich jetzt überlegen, wie sie mit dem Thema CO2-neutrale Produktion umgehen.“  

Enrique Schmolke, Gießerei-Leiter:
„Der Druck, immer mehr und bessere Teile zu gießen, wird immer größer. Da sind Möglichkeiten wie Additive Fertigung und Künstliche Intelligenz für Gießereien eine sehr interessante Sache. Das Thema Elektromobilität wird aus meiner Sicht zu einseitig gesehen: Der Elektromotor wird plötzlich als der neue Messias inszeniert. Ich finde aber, die Dieseltechnologie sollte weiterentwickelt werden, sie war unser Baby in Deutschland. Diesen technologischen Vorsprung sollten wir uns nicht nehmen lassen.  

Spannend ist, was auf dem asiatischen Markt passiert. Meine persönliche Erfahrung mit asiatischen Fachkräften ist, dass sie blitzschnell und sehr diszipliniert  sind. Was wir in Jahren lernen, lernen sie innerhalb weniger Monate.Die deutsche Branche muss jetzt immer ein Stückchen cleverer sein als die anderen.“ 

Marco Matthies, Geschäftsführender Geschäftsführer Matthies Druckguss:
„Wir blicken positiv in die Zukunft. Zurzeit wird ja vor allem im Druckguss viel philosophiert, dass die Branche auf dem absteigenden Ast sei. Das kann ich nicht bestätigen. 2019 war für uns ein Top-Geschäftsjahr. Allerdings gießen wir auch nicht für die Automobilindustrie, in diesem Sektor sind die Aussichten für viele Gießereien tatsächlich nicht rosig. 

Ich denke, dass die Additive Fertigung die Gießereibranche komplett verändern wird. Das ist kein Trend mehr, sondern Stand der Technik und bringt uns viele neue Möglichkeiten. Seit dem Sommer drucken wir kritische Teile unserer Formen und kommen damit auf ein völlig neues Level, weil wir mittels 3D-Druck Kühl- und Heizgeometrien optimiert in die Formeneinsätze einbringen können. Für dieses Jahr planen wir die Anschaffung einer eigenen Anlage. Der 3-Druck wird das Gießen nicht ablösen, sondern beide Technologien werden eine Symbiose bilden. Ich glaube nicht, dass die Gießereitechnik von heute auf morgen auf ein Abstellgleis gerät.“ 

Damian Heimel, Geschäftsführer Deevio:
„Auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz liegen für Gießereien riesige Effizienzgewinne brach. Unser Unternehmen bietet eine Automatisierung der Sichtprüfung mittels Künstlicher Intelligenz (KI) an. Wir haben den Eindruck, dass viele Prozesse noch manuell ablaufen und KI bislang von Gießereien sehr selten genutzt wird. Dennoch erleben wir eine große Offenheit dem Thema gegenüber. Manchmal sind aber die Erwartungen auch zu groß: Auch mit KI lassen sich nicht innerhalb von zwei Wochen alle Probleme lösen. Manche Aufgaben, wie beispielsweise „Abstände messen“, eigenen sich auch überhaupt nicht für KI.  

Die Sorgen in den Hallen der Gießereien, dass mit dem Einsatz von KI Jobs wegfallen könnten, sind unbegründet: Mitarbeiter, die am Tag unzählige Teile auf ihre Qualität überprüfen, können dann für andere Aufgaben eingesetzt werden. Das ist auch in Zeiten des Fachkräftemangels ein wichtiger Aspekt.“ 

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