Wo ist die nächste Ausfahrt in die Zukunft?

GIESSEREI PRAXIS 2020/1-2
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Digitalisierung
Druckguss
Tagungen und Messen
Elektromobilität, Digitalisierung, CO2-Reduktion: Die Lage ist unübersichtlich − einige in der Gießerei-Industrie zögern, weil sie nicht die falsche Abzweigung nehmen wollen, andere sind längst unterwegs.

Hört man sich in der Branche um, verdichtet sich der Eindruck, dass sie an einer verzweigten Kreuzung steht. Weiter wie bisher, geht es nicht mehr, das ist klar. Manch einer steht noch an der Weggabelung und wartet ab, welcher Trampelpfad sich zur Autobahn entwickelt. Ist die Elektromobilität wirklich die Technologie der Zukunft oder entpuppt sie sich später doch als Brückentechnologie? Überall ist die Spannung zu spüren: Wer jetzt einen falschen Schritt wagt, katapultiert sich womöglich ins Aus. 

Der Druck, immer schneller und besser zu produzieren, nimmt zu. Die Ansprüche der Abnehmer steigen, die Nachfrage nach multifunktionalen ultraleichten Bauteilen wächst und die Gießereien müssen sich agil zeigen, um den anspruchsvollen Markt zu bedienen. Hinzu kommt die Großwetterlage der Wirtschaft: Die Mobilitätswende bringt die Automobilindustrie in Bewegung und mit ihr zwangsläufig auch die Gießereibranche.  

Insolvenzen zeigen:
Etliche Firmen sind am Limit

Und das ist längst nicht alles − auf die Branche prasseln die Herausforderungen derzeit massiv ein: Elektromobilität, CO2-Bepreisung, Handelskonflikte, Digitalisierung, Additive Fertigung. Besonders für mittelständische Unternehmen wird es in dieser Gemengelage eng. „Anhand der vielen Insolvenzen des Jahres 2019 lässt sich ablesen, dass etliche Firmen am Limit sind“, meint auch Hartmut Fischer, Vorsitzender des Verbands Deutscher Druckgießer (VDD) und Geschäftsleiter des Unternehmens Stihl Magnesium-Druckguss und fügt hinzu,  dass Stihl allerdings wachse.

Timo Würz, Generalsekretär der European Foundry Suppliers Association (CEMAFON) und des European Committee of Industrial Furnace and Heating Equipment Associations (CECOF) sowie Geschäftsführer VDMA Metallurgy, sieht die Wirtschaftslage rational: „Jede Wachstumsphase hat mal ein Ende. Irgendwann musste einmal eine Sättigung kommen. Der Kuchen wird etwas kleiner und die Branche sollte sehr genau hingucken, welche Entwicklungen sich abzeichnen.“ 

Die Zahlen aus der Automobilindustrie sind nicht gerade ermutigend: Im Dezember 2019 haben deutsche Automobilhersteller 7 % weniger Pkw als im Vorjahresmonat produziert, meldet der Verband der Automobilindustrie (VDA). Waren im März 2017 noch 567.605 Pkw hergestellt worden, so nimmt die Produktion abgesehen von einem Hoch im November 2017 (581.194 Pkw) seitdem kontinuierlich ab. Im Dezember 2019 war mit 276.400 Autos, die vom Band liefen, ein vorläufiger Tiefpunkt erreicht. Den Druck, unter dem die Automobilhersteller stehen, bekommen auch die Gießereien deutlich zu spüren.   

Elektroautos? Viele wünschen sich Technologie-Offenheit
Dass sich die Bundespolitik und einige Automobilhersteller wie Volkswagen auf die Elektromobiliät einschießen, bringt viele in der Gießerei-Industrie auf die Palme. Aus der Branche hört man immer lauter den Wunsch nach einer Technologie-Offenheit. Ob Elektroautos tatsächlich zukunftsfähig sind, steht noch in den Sternen. Ein Bündel an Fragen dazu ist bislang ungeklärt: Wie kann der hohe Energiebedarf gedeckt werden? Und das auch noch aus erneuerbaren Quellen? Wie wird die Batterie- Entsorgung gesichert? Brennende Teslas hatten Entsorger schon ins Schwitzen gebracht. Wie kann eine ethisch einwandfreie Batterie-Produktion erfolgen? Rohstoffen, die für die Batterieproduktion benötigt werden, wie beispielsweise Kobalt, stammen häufig aus zweifelhaften Quellen. Hier werden zum Teil Kinderarbeit und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Kauf genommen. Zudem sind viele der Abbauregionen politisch instabil und es ist fraglich, ob überhaupt genügend Rohstoffe für die geplante Batterieproduktion vorhanden sind. Das zeigte im Herbst des vergangenen Jahres eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.

VDD-Vorsitzender Fischer sagt dazu: „Das Konzept der Elektromobilität ohne die Betrachtung der Alternativen ist nicht rund. Die Unsicherheit spiegelt sich in der Branche. Mal sehen, wer auf das richtige Pferd setzt.“ Er freute sich besonders darüber, dass sich Roland Weigert, Staatssekretär im Bayrischen Wirtschaftsministerium, auf der Euroguss für eine Technologieoffenheit ausgesprochen hatte (lesen Sie dazu auch den Messebericht zur Euroguss). Hans-Peter Stihl, persönlich haftender Gesellschafter des Familienunternehmens und Motorsägenherstellers Stihl, hatte kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur dpa gesagt, dass er nicht glaube, dass sich E-Autos großflächig durchsetzen werden. Für Überlandverkehr und Langstrecken sei die Technologie nicht geeignet.  

Was also, wenn die Elektromobilität nur eine Brückentechnologie ist und der Markt in zehn Jahren plötzlich auf andere Antriebsarten umschwenkt? Für mittelständische Unternehmen, die auf Elektromobilität gesetzt haben, wäre ein erneuter Richtungswechsel schwer zu verkraften. Doch auch Abwarten ist riskant: Wer weitermacht wie bisher, hat vielleicht schon den Anschluss an die Zukunft verpasst.  

Kommt eine neue Regionalisierung?
Zusätzliche Unsicherheit bringen Handelskonflikte. Der Brexit ist vollzogen, ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU gibt es indes noch immer nicht. Bis Ende des Jahres bleibt Großbritannien immerhin erst einmal in der Zollunion der EU. Ob es doch zu einem „harten Brexit“ kommt, ist noch immer nicht klar. Langfristig planen kann die Wirtschaft also nach wie vor nicht. Auch die US-amerikanische Handelspolitik unter Donald Trump sorgt nach wie vor für Unsicherheit − das kann die deutsche Wirtschaft gerade nicht gebrauchen. Würz sieht vor diesem Hintergrund eine Entwicklung am Horizont aufziehen: „Ich glaube zwar nicht, dass sich  ie Globalisierung zurückentwickelt, aber durch die schwelenden Handelsdispute sind die internationalen Lieferketten in Frage gestellt und schon jetzt zeichnet sich eine starke Regionalisierung ab.“ Der Preis der Globalisierung zeigt sich gerade unter anderem in der Ausbreitung des Coronavirus − symptomatisch ist, dass es über die Automobilbranche nach Deutschland gelangt ist. 

Ein weiterer Faktor könnte die Tendenz zur Regionalisierung verstärken: Die Klimakrise und die damit verbundenen gesetzlichen Vorgaben für den CO2-Ausstoß. Kürzere Wege bedeuten auch eine geringere CO2-Bilanz. Das schlägt nicht nur beim guten Gewissen zu Buche, sondern macht sich angesichts drohender Strafzahlungen auch in der Kasse bemerkbar. Auch wenn das Thema in weiten Teilen der Branche nicht gerade beliebt ist: Die gute Nachricht zu CO2-Reduktion und Recycling ist, dass einige Maßnahmen auch wirtschaftlicher sind.  

„Die CO2-Bepreisung trifft uns alle“ Hartmut Fischer mahnt die Politik zu einem besonnenen Umgang: „Ökologie, Ökonomie und soziale Verantwortung müssen ausgeglichen sein, sonst wandert die Branche nach Asien oder Osteuropa ab und ich bin davon überzeugt, dass das nicht unbedingt im Sinne der Umwelt ist.“ Würz sieht die Entwicklung hingegen als Chance für neue Geschäftspotenziale (lesen Sie dazu auch sein Statement). 

Der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer hatte im Sommer auf dem Stuttgarter Kongress „Elektromobilität als Chance für die Automobilzulieferer“ darauf hingewiesen, dass Deutschland zwei Spitzenpositionen auf dem Weltmarkt verloren habe: bei der Digitalisierung und der Elektrifizierung. „Wo sind wir denn noch wirklich gut? Im Bereich der Nachhaltigkeit“, so Joschka Fischer. Und eines ist sicher: Das ist ein zukunftsträchtiges Thema.   

Robert Kristo, Vertriebsleiter bei Föhl, war auch auf dem Stuttgarter Kongress und sagt auf der Messe Euroguss: „Rückblickend muss ich sagen: Er hat Recht.“ Das Unternehmen Föhl, Spezialist für Zinkdruck- und Kunststoffspritzguss, will 2020 klimaneutral arbeiten. Teil dieser Strategie sei unter anderem die neue Beschichtungstechnologie „Föhlan“ − eine grüne Alternative zur Galvanik − und eine Heißkanaltechnik, die im Vergleich zum herkömmlichen Zinkdruckguss bis zu 50 Prozent der Energie und eine Menge Material einspare. „Ein Teil hat verstanden, dass wir uns um Klimaneutralität kümmern müssen. Diejenigen, die es nicht verstanden haben, werden in zwei bis drei Jahren Probleme damit haben“, sagt Kristo auf der Euroguss. 

Würz sieht hingegen auch Probleme. Die CO2-Reduktion in der Produktion sei nicht wertschöpfungssicher umsetzbar. „Das ist nicht so einfach, wie manche sich das vorstellen“, sagt er mit Blick auf die Politik. Von deren Seite sind stets neue Überraschungen zu erwarten.  

„Additive Fertigung ist keine eierlegende Wollmilchsau“
Aber es gibt auch Helfer, wenngleich deren Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft wird: Die Digitalisierung bringt viele Werkzeuge mit sich, die eine effizientere Produktion erlauben. Doch viele zögern auf diesem Gebiet noch. Warum es beispielsweise beim Thema Big Data noch etwas holpert, erklärt sich VDD-Präsident Fischer so: „Es fehlt noch eine Standardisierung, wie aus einer Wolke aus Informationen die wertvollen Informationen herausgefiltert werden können. Wenn ich nicht Auto fahren kann, hilft mir auch kein Formel-1-Wagen.“ Das betrifft nicht nur Gießereien, sondern den gesamten Industriesektor, besonders kleine und mittelständische Unternehmen tun sich bei der Digitalisierung noch schwer: Laut des Digitalisierungsindex, den techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom erstellt hat, hat unter den Unternehmen, die bis zu 49 Mitarbeiter beschäftigen, erst knapp ein Drittel die digitale Transformation in ihre Geschäftsstrategie aufgenommen. Bei Unternehmen ab 50 Mitarbeitern liegt der Anteil derjenigen, die digitale Prozesse  systematisch nutzen, immerhin bei 54 Prozent.

Eng mit der Digitalisierung verknüpft ist die Additive Fertigung, für die man beispielsweise eine Datenwolke für ein optimiertes Design von Prototypen verwenden kann. Markus Giglmaier, Manager des Additive Manufacturing Instituts bei Oerlikon bremst Befürchtungen, die manch einer hat: „Die Additive Fertigung ist keine eierlegende Wollmilchsau, die das Gießen ablöst.“ Dennoch hätten Legierungen für die Additive Fertigung häufig bessere Eigenschaften als die klassischen Legierungen der Gießereitechnik. Wer darüber nachdenkt, sich einen eigenen 3D-Drucker anzuschaffen, dem rät er, die Wahl des Druckers klug abzuwägen: Nicht jeder Drucker eigne sich für jedes Material und ein Drucker, mit dem man Prototypen herstellen kann, sei in der Regel nicht für die Serienproduktion geeignet. 

Aber die Additive Fertigung bringt erstaunliche neue Möglichkeiten. Auf der Euroguss stieß beispielsweise das Thema Topologie- Optimierung auf großes Interesse. Mittels Additiver Fertigung können Kühlkanäle direkt in die Form eingedruckt werden. Auch zur Reparatur von Druckgusskernen und -werkzeugen eigene sich die Technologie hervorragend, erklärte beispielsweise Markus Bäumler vom Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori. Eine Reparatur, die mit herkömmlichen Mitteln zwei Tage dauere, könne auf drei Stunden reduziert werden, berichtet er.  

Wer in die Zukunft blickt, muss auch auf den Nachwuchs schauen und sich dem Fachkräftemangel stellen: „In fünf bis zehn Jahren gibt es in Deutschland mehr Rentner als Berufsanfänger. Darauf müssen sich Firmen und auch die Regionen einstellen. Ohne die schlauen Köpfe wird es nicht gehen. Die Unternehmen müssen jetzt handeln, sie können nicht erst in fünf bis zehn Jahren damit anfangen“, sagt Hartmut Fischer.  

Die Gemengelage, unter der die Gießerei-Industrie heute produziert, bringt die traditionsreiche Branche auf Trab − es rumpelt im Karton. Würz mahnt hingegen dazu, den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren: „Man darf die Lage der Branche nicht überdramatisieren. Wir haben die Wirtschaftskrise 2008 geschafft, dann schaffen wir das jetzt auch noch. Von den Herausforderungen, mit denen wir heute zu tun haben, geht die Welt nicht unter. Wenn wir aber die Klimakrise nicht in den Griff bekommen – dann geht die Welt unter.“ Doch die gute Nachricht ist: Herausforderungen bringen auch neue Chancen.